24.11.2024 – Noch okayer

Erstaunlich gut geschlafen, dafür dass eine neue Person im Haushalt ist. Mit explizitem Sonntagsgefühl aufgewacht und dann lese ich erstmal sehr ausführlich das Internet durch und folge auf der morgendlichen Blogrunde auch vielen Links und Querverweisen. Irgendwann knurrt dann aber doch der Magen – Nimbins lauter als meiner – und ich stehe auf. Zum Frühstück gibt es Spiegelei, einen Rest Wurst, Baked Beans, Brot, Sanddorngelee und die letzte Crowdfarming-Mango, dazu schwarzen Tee mit ebendieser. Die Mitbewohnerin schläft noch, freut sich aber später über Teile davon.

Ich selbst habe als einzigen Termin heute ein Telefonat mit der Freundin in Madrid stehen. Wir quatschen fast drei Stunden (brutto) und haben uns sehr viel zu erzählen und Ideen zu spinnen und Dinge zu feiern. Zwischendurch rufen dreimal andere Leute an – Sonntag ist wohl so ein Tag – und hinterher habe ich eine ziemlich lange To-Do-Liste, die sich aus den vier Gesprächen ergibt. Dann geht es hinaus ins Draußen, eine Runde für die mentale Gesundheit drehen, solange es draußen noch hell ist.

Wieder zurück kümmere ich mich um die ersten Punkte der neuen To-Do-Liste und dann um meine Sprachlern-Pflichten, bis die Mitbewohnerin ihrerseits von einer Verabredung zurückkommt. Wir bestellen uns syrisches Essen zum Abendbrot – Teigtaschen mit Schafskäse und Thymian, Rotkohl-Granatapfel-Salat, Reis mit Auberginen und Zeug, Minz-Joghurt – und besprechen die Lage.

Leider führt kein Weg dran vorbei – sie muss ungeplant aber final schon in den nächsten Tagen wieder zurück in ihre Heimat, das WG-Intermezzo bleibt ein kurzes. Schweren Herzens aktiviere ich mein Mitbewohner*innen-Gesuch wieder und erhalte dann den ganzen Abend über Anfragen, die es zu sichten und beantworten gilt. Erste Besichtigungstermine werden gemacht. Nebenbei unterhalten sich die Mitbewohnerin und ich weiter – viel über das Leben, den Alltag und die Politik in ihrem Heimatland, außerdem über ihre Katzen, ihren Freund und ihre Familie und am Ende sehr lange über Harry Potter.

Gemeinsam haben wir den dritten Band in insgesamt vier Sprachen zur Hand – Englisch, Italienisch, Niederländisch und Türkisch. Wir stecken die Köpfe über dem ersten Kapitel zusammen und versuchen uns zusammenzureimen, was was heißt – jeweils in der/den Sprache(n), die wir nicht können und mit der Englischen Ausgabe Ausgabe als Referenz. Ich stelle fest, dass ich im Türkischen außer den Eigennamen aus dem Harry-Potter-Reich nur die Lehnwörter aus dem Lateinischen verstehe, erkenne dann noch ein paar Substantive, weil ich sie als Namen kenne (Umut heißt Hoffnung!) und erschließe mir Onkel und Tante. Die Mitbewohnerin kommt mit Italienisch und Niederländisch noch weniger weit als ich. Aber hey, die Bücher lieben wir beide – auch wenn ich sie vor Jahren gelesen habe, als sie rauskamen, und sie erst jetzt richtig anfängt, aber dafür alle Filme mehrfach gesehen hat.

Die Katzen sind übrigens die ganze Zeit dabei und auch Noosa lässt sich inzwischen bereitwillig von ihrer neuen temporären Mitbewohnerin streicheln. Es ist schön und gleichzeitig ein Jammer. Ich gehe dann recht früh ins Bett und schaue noch recht lange This Is Us.

23.11.2024 – Dreiviertel OK

Heute morgen geht es noch ein Stückchen besser, auch wenn ich von einer Katzenkralle im Gesicht aufwache und deutlich vor dem gestellten Wecker. Ich nutze den Schwung und stehe gleich nach dem Bloggen (und einem etwas widerwilligen Partei-Wiedereintritt) auf und ziehe mich an. Dann wird Tee gekocht (mit Ingwer, Kurkuma, Zitrone und Honig) und Müsli gemacht (mit dem Rest Dickmilch, Kaki und Apfel) und dann geht es an den Schreibtisch für ein dreistündiges Webinar. Holla. Inklusive interaktivem Anteil mit Gruppenarbeit in Breakout-Rooms. Ist dann aber insgesamt weniger anstrengend als vorher befürchtet. Hinterher telefoniere ich endlich mit dem Liebsten, dann geht es eine kurze Runde einkaufen.

Wieder zurück bin ich dann rechtschaffen platt und gedenke, den Rest des Tages rekonvaleszent auf der Couch zu bleiben. Die Abendverabredung muss leider wieder abgesagt werden – immer noch Schodderei aus Nase und Rachen, es ist ein langwieriges Elend. Dafür gibt es dann aber erstmal Schnittchen mit Gurke und Ringelbete zum späten Mittagessen.

Ich höre die Nullerjahre zu Ende und lese mich durch einiges Liegengebliebenes der letzten Tage. Am späten Nachmittag dann Auftritt neue Mitbewohnerin. Nimbin ist hocherfreut über das Wiedersehen und begrüßt sie schon nach kurzer Karenzzeit, Noosa bleibt erstmal skeptisch, kommt aber dann recht schnell zumindest mal gucken und sitzt später geborgen auf meinem Schoß, während die Mitbewohnerin am anderen Sofaende hockt. Das lässt sich gut an mit den Dreien bzw. uns Vieren. Leider hat sich gestern ergeben, dass unsere gemeinsame Zeit wahrscheinlich sehr viel kürzer sein wird, als ursprünglich geplant. Widrige Umstände, act of god, wie es im Englischen heißt. Na mal gucken – one day at a time.

Die Mitbewohnerin geht noch mit ihren beiden Umzugshelfer*innen (wenn man zwei Koffer, einen Laptop, einen Rucksack und ein paar Beutel Umzug nennen kann) etwas essen, ich mache mir hingegen ein Seelen- und Bauchstreichelndes Abendbrot zuhause. Es gibt Grießbrei mit Rosinen und Orangenblütenwasser, dazu Pistazien und mehr Kaki.

Später am Abend schaue ich im Bett weiter This Is Us, während Nimbin munter zwischen beiden Zimmern (und Betten) hin und her wandert. Noosa bleibt bei mir, geht aber später auch nochmal gucken, wer da denn nun im anderen Zimmer liegt. Der Abend endet geradezu besinnlich gegen Mitternacht.

22.11.2024 – Halb OK

Ich fühle mich am Morgen zumindest ein winziges bisschen besser und da meine innere To-Do-Liste Panik schiebt helfe ich dem Gefühl mit Aspirin+C und einer Mate nach, nutze den geistigen Aufschwung für ein länger liegengebliebenes Anliegen im Internet, beantworte E-Mails, erledige Überweisungen und stehe dann auf. Die Katzenklos gehören durchgesiebt, der Biomüll lebt und droht über die Ufer zu treten, anderer Müll ist auch voll und ein bisschen Bad und Küche befrieden ist auch dringend vonnöten.

Dazu höre ich Hendrik Bolz – Nullerjahre und trete in eine teils vertraute, teils fremde Welt ein. Der Mann ist fünf Jahre später als ich ebenfalls in ostdeutscher Provinz aufgewachsen, aber in ganz anderen Kreisen und eben in Stralsund. Trotzdem erkenne ich so einiges wieder und sehe bei den Beschreibungen der Plattenbauten eben den Gesundbrunnen in Bautzen vor mir, auch wenn ich mit dem nie viel zu tun hatte. Google spontan nach alten Klassenkameraden, die damals zu uns an die Schule wechselten, als das Plattenbau-Gymnasium zumachte, und ahne, wie deren Leben so aussah.

Gegen Mittag erkläre ich den Haushaltspart des Tages für beendet, esse Restepasta und gehe dann nochmal ins Draußen, bis zum Copyshop und zurück, um etwas auszudrucken. Wieder zuhause geht es völlig kaputt zurück auf die Couch. Gesund ist anders, aber es fühlt sich gut an, etwas geschafft zu haben und mal was anderes gesehen zu haben.

Die Party heute Abend kann ich leider knicken und habe ich schon vormittags abgesagt. Auch andere Pläne werden durchkreuzt und das senkt die Stimmung weiter. Zur Aufhellung bestelle ich mir dann ein panasiatisches Abendessen bei dem ersten Laden, bei dem ich in Berlin je bestellt habe, damals 2007 als ich für ein paar Wochen zum Praktikum hier war. Es gibt Spinat-Ingwer-Wantans mit Erdnuss-Chili-Sauce, wie seit damals immer, außerdem Bun Tofu und ein Litschi-Lassi. Sehr lecker, wenn auch wieder sehr teuer (gestiegene Preise im Allgemeinen, Service-Gebühr, Liefergebühr… gab es damals alles nicht) und das Tofu enthält dann auch wieder genug Histamin für späte Bauchschmerzen, aber manchmal muss der Bauch da durch, für den Gaumen und die Seele.

21.11.2024 – Nochmal

Ein weiterer trüber Tag, der im Bett vor sich hin zerfasert. Kranksein ist dann doch irgendwann doof, vor allem, wenn es einen von schönen statt blöden Dingen abhält. Immerhin schon etwas weniger Rotz als gestern, aber das ist auch schon alles.

Highlights heute sind ein Bad, schöne Telefonate mit dem Liebsten, der Rückzug von Matt Gaetz und diese Pasta nach Marcella Hazan:

Achja und ich habe mein Buch ausgelesen, sehr zu empfehlen, auch um nochmal die nähere Vergangenheit (Pandemie) aufzuarbeiten. Und im Buch werden auch Serien erwähnt, die ich zu der Zeit gesehen habe – Transparent, Marvelous Mrs Maisel und Grace and Frankie. Ich mag, wenn alles so miteinander verwoben ist. Witzigerweise kommt die Pandemie jetzt auch gerade in This Is Us an (Ja, bin schon in Staffel 5.), neben George Floyd und Black Lives Matter und da landet man dann auch ganz schnell wieder in der Gegenwart.

20.11.2024 – Rotztag

Heute wache ich auf, weil Noosa neben mir laut schnarcht und ich dann direkt beim Umdrehen anfange zu husten und mir dann die Nase putzen muss und damit geht der Tag eigentlich genau passend los. Ich verbrauche Unmengen Taschentücher, verschiebe was ich verschieben kann auf später und richte mich aufs Kranksein ein. Schon wieder. Verdammter Mist, das macht keinen Spaß so.

Was nicht verschiebbar ist, ist ein Handwerkerbesuch, der zwar etwas Besserung und Klarheit bringt, aber mein Ungehaltensein über Immobilienkonzerne weiter verschärft – neuer Handlungsbedarf demnächst, wenn Kopf und Stimme wieder klar genug sind. Außerdem höre ich mir mittags noch ein Webinar zu Zivilcourage an – und zur Umsetzung derselben am Arbeitsplatz.

Davon ab besteht der Tag aus Liegen, Lesen, Serien gucken, mehrfach mit dem Liebsten telefonieren, Katzen kuscheln und Essenszufuhr.

Morgens gibt es das neue Nussmüsli mit Dickmilch und Birne – sehr lecker! Bei den Preisen für „Schwedenmilch“ werde ich mich aber wohl demnächst auf Mequitos Methode umstellen und das Zeug selber vermehren. Geht nur aktuell nicht, weil ich keine normale Milch im Haus habe. (In diesem Zusammenhang: Ich bin gespannt, was meine neue Mitbewohnerin ab dem Wochenende an kulinarischen Einflüssen mitbringt. In ihrer Heimat wird sehr viel Joghurt gegessen.)

Mittags gibt es den letzten Rest Eintopf, verlängert und verfeinert mit dänischen eingelegten Gurken, was dem Ganzen etwas osteuropäisches gibt.

Abends habe ich dann große Lust auf Fastfood-Bestellung, entweder Burger oder Burritos. Als ich die Preise sehe und ins Verhältnis zur voraussichtlichen Qualität und Befriedigung setze, entscheide ich mich dann doch für Selbermachen. Der letzte Mitbewohner hat einen Rest Tiefkühlpommes da gelassen, dazu fülle ich meine letzte Paprika mit Knoblauchfrischkäse und überbacke sie mit Ziegenkäse und Bergkäse. Das kommt dem „FettSalzZucker“ bzw. „Heiß & Fettig“-Bedürfnis schon sehr nahe. Burger und Burrito dann demnächst mal wieder vor Ort im Restaurant!

19.11.2024 – Infektbingo

Ich erwache kurz vor 5, wahrscheinlich hat sich eine Katze neu platziert oder so. Meine Nase läuft sehr – das ist neu. Eigentlich war meine Erkältung ja bis auf ein wenig Rest-Reizhusten so gut wie weg. Und jetzt das? Jedenfalls sind es nur noch anderthalb Stunden bis zum Weckerklingeln. Ich versuche daher nur kurz, wieder einzuschlafen und lese zu diesem Behufe in meinem Buch weiter. Als das nicht klappen will, wechsle ich schnell zur üblichen morgendlichen Runde durch die Blogs und sozialen Netzwerke. Darauf folgt dann ungewöhnlich früh mein eigenes Bloggen, dann Italienisch und Französisch und noch ein bisschen hier und da gucken. Dazu trinke ich eine Mate, schön kühl vom Balkon, und hui – wenn man nicht so oft Koffein zu sich nimmt, knallt die ordentlich! Ich bin wach und stehe dann pünktlich auf, um noch die Katzen zu füttern, selbst zu frühstücken, einen Tee für unterwegs zu kochen und gegen 8 das Haus zu verlassen.

Es ist kalt, es regnet, ich habe eine Kapuze über den Kopfhörern und lasse mich von Musik vorantreiben. Behördentermin in okayer 30-Minuten-Fußweg-Entfernung. Ich komme pünktlich an, der Termin geht angenehm schnell vorbei und gibt mir einige neuen To Dos auf die Liste. Dann laufe ich den gleichen Weg wieder zurück – andere Straßenseite wegen der Abwechslung – und mache kurz vor Schluss noch einen Schlenker zu Drogerie- und Baumarkt. Gegen 10 bin ich wieder zuhause und habe das Schrittziel erreicht.

Nächster Tagesordnungspunkt ist dann, mich eine Weile an den Schreibtisch zu setzen. Der Plan war Tee trinken, Musik hören und gemütlich Dinge erledigen. Stattdessen spielt der Router verrückt und der Laptop kommt nicht ins Internet. Getriggert von den Ereignissen dieses Sommers rufe ich erstmal in Panik den Liebsten an, der mich dann aber beruhigt und gezielt das Richtige ferndiagnostiziert und empfiehlt. Ein Anruf bei der Hotline des Internetanbieters wird fällig, ich hänge aber nicht ewig in der Warteschleife, sondern habe das Problem in unter zehn Minuten geklärt, bekomme einen Code per SMS und dann geht das Internet wieder. Puh. Und: Draußen schneit es! Nur kurz, aber ganz eindeutig. Winter jetzt also?

Dann also jetzt die Schreibtischeinheit und Dinge erledigen bis der Hunger anklopft. Zwischenzeitlich hatte sich der Fluss aus der Nase stetig verstärkt und der Taschentuchverbrauch gesteigert. Ist mir wohl doch nicht nur ein Katzenhaar in die Nase geraten, das hier ist eine ausgewachsene neue Erkältung! Gnaaaah. Auf den Schreck gibt es heißen Eintopf von gestern, mehr Tee und den Umzug aufs Sofa. Dann mache ich einen COVID-Schnelltest, der zuerst negativ ist, etwas später dann aber erschreckend verdächtig erscheint. Zwei weitere Tests (verschiedene Anbieter) zur Kontrolle bestätigen den Verdacht nicht.

Ich verbringe einige Zeit mit den Kreuzworträtseln aus der Rentner-Bravo von gestern und telefoniere nochmal mit dem Liebsten. Dann ein letztes Aufraffen zu dringenden To Dos: Die Wohnung muss gesaugt werden! Hinterher mache ich Salat und Stulle zum Abendbrot und dann lasse ich den Tag mit This Is Us ausklingen und gehe später als geplant aber früher als normal ins Bett und lese noch. Nase läuft.

18.11.2024 – Erleditag

So ein richtiger Montag, erst wird erledigt, dann bin ich erledigt. Es fängt alles noch harmlos an, mit einer weiteren guten Nacht und einem gemütlichen Morgen im Bett. Irgendwann postet auf Mastodon jemand einen Song von Nada Surf und das ist dann mein Zeichen fürs Aufstehen. Dann lange Liste abarbeiten…

  • Katzen füttern
  • Katzenklo säubern
  • Wäsche waschen
  • Frühstücken (Müsli mit Joghurt, Apfel und Kaki, Milchkaffee)
  • Aufräumen
  • Abwaschen
  • Untermietvertrag finalisieren und verschicken
  • Korrespondenz erledigen
  • Webinar besuchen
  • Altglas wegbringen
  • Medikament aus der Apotheke holen
  • Paket aus der Packstation holen
  • Mit einem Freund telefonieren und Sachen planen
  • Müll wegbringen
  • Einkaufen gehen
  • Eintopf kochen
  • Noch ein Paket entgegennehmen
  • Eintopf essen

Da ist es dann schon mitten am Nachmittag. Den Eintopf gibt es aus Kohlrabi, gelber Bete, Kartoffeln und Erbsen, verfeinert mit Tomatenmark, Parmesanrinde und Bio-Würstchen.

Beim und nach dem Essen durchblättere ich die Rentner-Bravo, die ich aus der Apotheke mitgenommen habe – ist spannender geworden, seit ich da das letzte Mal reingeguckt habe und hui, ganz schön viele Rätsel, die darf noch bleiben.

Danach dann nur noch intellektuelle Tätigkeiten – ich arbeite an einem Projekt weiter, das ich letzte Woche angefangen hatte. Inzwischen ist es stockdunkel. Nach einem Feierabend-Telefonat mit dem Liebsten wechsle ich in den gemütlichen Teil des Abends, schaue This Is Us und kämme währenddessen die Katzen ordentlich durch – Wahnsinn, wieviel da immer rauskommt.

Gegen dem Abendbrot Hunger gibt es dann eine Art Pflaumen-Crumble (Obst aus dem Tiefkühler, Haferflocken, Butter, Zucker, Zimt, Nelken, Kardamom) mit Vanilleeis.

Vorm Schlafengehen mache ich mir dann auch noch eine richtige frische Golden Milk – mit Hafermilch, Ingwer, Kurkuma, Zimt, schwarzem Pfeffer und Honig. Gute Nacht.

17.11.2024 – Heimelige Hansestadt

Dir zweite Nacht im fremden Bett läuft schon deutlich besser, auch wenn das erste Aufwachen sehr früh stattfindet. Das zweite dann kurz vor Weckerklingeln, das passt also soweit. Ich schaffe es noch, das Internet leer zu lesen und zu bloggen, dann ist Aufstehzeit. Die Gastgeberin serviert Kekse zum Husten- und Bronchialtee, dann verabschiede ich mich und fahre mit der Straßenbahn hinüber auf die andere Seite des Flusses (einmal um den Hafen herum), wo ich mit meinem Cousin zum Frühstücken verabredet bin. Ich begegne ihm auf der Rückkehr von der Hunderunde und gemeinsam laufen wir dann zu ihm nach Hause.

Hier ist schon ordentlich was los, Bonuskind und Besuchskind springen herum, seine Freundin bäckt Eierkuchen. Bald darauf sitzen wir alle am Tisch und lassen uns frische Brötchen, Croissants, Rührei und eben Eierkuchen schmecken. Dazu gibt es viele, auch selbst gemachte, Marmeladen, köstliche Aufstriche vom Markt und Saft aus eigenen Quitten. Wir erzählen uns die letzten Monate, haben uns ja fast vier davon nicht gesehen, und reden natürlich auch wieder viel über Politik und das Weltgeschehen. Inzwischen verziehen sich draußen die Wolken und es wird ein schöner Herbsttag mit blauem Himmel.

Nach guten zwei Stunden breche ich wieder auf und laufe dann zum Wasser und an diesem etwa eine Dreiviertelstunde entlang. Erst durch viel Natur, dann an den Segelclubs vorbei, wo allerorten Boote aufs Trockene gebracht werden und ein ordentliches Gewimmel herrscht – bis April ist jetzt Segelpause, Ausbesserungszeit auch, die Auftragsbücher des Cousins sind voll. Nach den Segelclubs kommen die Villen und dann schließlich der Fähranleger. Fünf Minuten vor Abfahrt lasse ich mich auf einen Sitz plumpsen – geschafft.

Die Überfahrt selbst dauert leider auch nur fünf Minuten. Dann bin ich wieder zurück in „meinem“ Teil von Rostock und spaziere zum Stammcafé. Mein Stammplatz, ein altes Bett, ist frei und so mache ich es mir mit Apfel-Ingwer-Tee und Schwarzwälder-Kirsch-Törtchen gemütlich und widme mich meinem Handyspiel. An den Nebentischen heute zum Beispiel eine Gruppe Kommiliton*innen, die zwischen Frühstück und Hausarbeit ein paar Runden Canasta spielen, ein einsamer Herr mit Buch und ein geschäftliches Treffen zwischen Kulturbranche und Controlling, mit herumtollendem Kleinkind.

Da auch heute wieder niemand von meinen Bekannten Dienst hat, entscheide ich mich schließlich, nicht noch eine zweite Lage zu bestellen, sondern einen früheren Zug zu nehmen und nicht so spät in Berlin anzukommen. Ich laufe die alten Wege zum Bahnhof (und komme auch noch an meiner dritten Rostocker Wohnung vorbei, die anderen beiden waren gestern schon dran) und steige in den schon bereit stehenden Zug. Ich nutze die Zeit für Französisch und Italienisch und schlafe dann ungefähr von Güstrow bis Waren. In Neustrelitz heißt es wieder umsteigen – ein bisschen nervig, aber dafür fährt jetzt wirklich jede Stunde ein Zug – und nochmal eine Stunde später bin ich wieder in Berlin.

Die Katzen empfangen mich freudig und hungrig. Ein kurzes Ausruhen auf der Couch und Nachlese zur Bundesdeligierenkonferenz der Grünen, dann mache ich mit Spaghetti mit Trüffelcreme und schaue zum Essen eine Folge This Is Us. Dann Badewanne zum Abwaschen der Rückstände aus zwei Tagen Raucherwohnung und kurz nach 21 Uhr liege ich bereits im Bett. Ich lese eine knappe Stunde in Adriana Altaras‘ „Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante“ bis mir die Augen zu fallen, nehme dann einen Hustenstiller und lasse mir von Günther Grass weiter aus „Ein weites Feld“ vorlesen, bis ich einschlafe.

16.11.2024 – 21.000 Schritte durch Rostock

Im fremden Bett recht unruhig geschlafen, da es sich trotz großer Breite nicht so gut mit dem Arm vertragen wollte. Dafür dann den Großteil der Morgenroutine noch im Bett erledigt, bevor es Zeit zum Aufstehen ist. Die Gastgeberin ist auch schon wach und kurz vor 10 sind wir beide bereit das Haus zu verlassen. Die avisierte Frühstückslocation ist leider schon proppevoll, so dass wir in der nächstbesten einmal quer über den Platz landen. Solides Frühstück, aber wenig spektakulär, bis auf den Hund am Nachbartisch, der uns zu langen Gesprächen über pelzige Haustiere führt.

Wir laufen weiter zum Stammcafé und treffen auf dem Weg witzigerweise meine Abendverabredung samt Gattin – die Großstadt ist in der Mitte ziemlich klein. Im Stammcafé sind keine der uns bekannten Gesichter hinterm Tresen, so dass wir das obligatorische Törtchen auf morgen verschieben. Meine Gastgeberin kehrt zurück nach Hause und an die Arbeit, ich hingegen laufe durch die Gegend. Zunächst einmal hinunter an den Stadthafen. Den entlanggehend, kann man einmal durch meine persönliche Historie durch die Stadt reisen – so viele Erinnerungen.

Da ist das Schiff, das mich ursprünglich auf die Idee brachte, hier zu studieren. Da der Club, in der ich so manche denkwürdige Nacht verbracht und so viele Konzerte gesehen habe. Dort war früher der Probenraum, in dem wir meinen 21. Geburtstag gefeiert haben und später eine Schokoladerie, die auch schon lange nicht mehr da ist. Da das Theater, davor der Platz auf dem wir Kubb gespielt haben, da die Treppe, auf der wir saßen und sangen und grillten… Da das Restaurant, in dem wir nach Opas Beerdigung saßen, hier stand früher das Zirkuszelt, da lag das Partyschiff, dort war der Pub wo wir bei der Weihnachtsfeier waren und später jemand Gläser geklaut hat. Dort die windgeschützte Stelle, wo ich letztes Jahr Rast gemacht habe… Heute auch.

Ich sitze eine Weile da, beende meine Italienisch-Aufgaben und gucke aufs Wasser, bis es zu kalt und windig wird. Dann überquere ich wieder die große Straße und laufe durch die Altstadt. Hier hat K. gewohnt, dort waren wir beim Mittelaltermahl, da gab es mein Abschlussessen nach dem Master, hier waren wir ein paar Mal frühstücken… Usw. usw. Auf dem Neuen Markt wird schon fleißig der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Dann geht es durch die Kröpi, die immer noch dieselbe ist. An dieser Ecke hat Jimmy Kelly auf der Straße gespielt, dort in dem Kino waren wir oft… Nicht viel hat sich verändert, aber es gibt jetzt ein Denkmal für den Spielmannopi, das ist schön.

Bis zum nächsten Termin habe ich noch ordentlich Zeit, also setze ich mich in eines der sympathischeren Cafés zurück in der KTV und trinke einen Ingwer-Zitronen-Maracuja-Tee und esse Käsekuchen mit Brombeeren. (Sie hätten auch „Dubai Cheese Cake“ gehabt, aber für Cheesecake mit Schokoladensauce und ein paar Pistazien bezahle ich keine 5,50 €.

Ich lasse mir viel Zeit mit beidem, spiele nebenbei auf meinem Handy und lausche den wechselnden Gesprächen am Nachbartisch. Erst sitzen da zwei Kommilitoninnen jüngeren Semesters, die ich relativ schnell als entweder BWL oder Lehramt einsortiere. Sie reden über ihre Freundinnen, Heimfahrten und Frauentausch. Als Nächstes nehmen zwei ausgewachsene Frauen Platz, die sich unterhalten als wären sie auf einem ersten Date. Am Ende stellt es sich heraus, dass sie sich wohl aus sozialen Zusammenhängen kennen und ggf. füreinander katzensitten werden. Na gut. Dann kommt noch ein Hetero-Paar, das aber nicht so viel redet. So komme ich noch ein wenig zum Lesen.

Dann ist es Zeit und breche wieder auf, zu einer Vernissage in einer kleinen Galerie im Klosterhof. Die Gastgeberin hat die Begleittexte verfasst und ist auch da. Das winzige Häuschen platzt vor lauter Besucher*innen aus allen Nähten. Es gibt Kuchen und Glühwein und Live-Musik aus Saxofon und Klarinette. Dann versuche ich, ein wenig Kunst zu gucken, es fällt aber vor lauter Menschen schwer.

Witzig ist, dass der Besitzer des Hauses, in dem wir im Juli ein großes Fest gefeiert haben, auch da ist und mit ausstellt. Nichtsdestotrotz fliehe ich recht schnell wieder und habe wieder Zeit totzuschlagen bis zum nächsten Programmpunkt. Im Uni-Hauptgebäude ist eine Veranstaltung, so dass ich trotz Wochenende reinkomme und zum ersten Mal seit langem wieder in der Alma Mater stehe. Hui, die haben ganz schön modernisiert seit damals. Der eine große Hörsaal ist nicht mehr da, der andere leider abgeschlossen. Ich laufe ein wenig hin und her und gucke und nutze die Gelegenheit für einen kostenfreien Toilettengang.

Dann erinne ich mich an alte Studitricks und gehe um die Ecke in die Uni-Buchhandlung, die zu einer großen Kette gehört. Ich streife erst lange durch die verschiedenen Bereiche und schaue mir Bücher an, dann fläze ich mich in einen der Sessel, telefoniere kurz mit dem Liebsten und lese dann, bis es Zeit für die nächste Verabredung ist. Ich treffe meinen alten Freund M. draußen und wir holen uns nebenan einen Döner. Damit laufen wir zu seinem Zuhause, wo schon sein kleines Bonuskind wartet. Der Rest der Familie ist ausgeflogen. Wir essen zu dritt, dann verabschiedet sich das Kind ans Tablett und wir reden – hauptsächlich über Politik. Der allgemeine Rechtsruck, die USA, die FDP und wie soll man denn jetzt am besten weitermachen… Immerhin sind wir uns auch 20 Jahre später noch ziemlich einig.

Nach anderthalb Stunden muss ich wieder los, zurück in den Stadthafen, dahin wo ich schon so einige Konzerte gesehen und auch selbst auf der Bühne gestanden habe. Heute aber Kabarett, von zwei alten Bekannten.

Es wird sehr mecklenburgisch, sehr lustig und natürlich sehr linksprogressiv und topaktuell, wie zu erwarten. Hängen geblieben ist zum Beispiel das Grundgesetz in sehr leichter Sprache. Artikel 1: Fass mich nich‘ an. Artikel 2: Kannste machen, aber lass mich in Ruhe! Schön. Hinterher habe ich noch Gelegenheit mit den Beiden zu reden und wir fachsimpeln über Duolingo, Finnland, Kanada und das anstehende Immergut. Dann muss die Bank zurückgetragen werden und ich verabschiede mich und laufe zurück zur Gastgeberin. Dort gibt es noch einen Tee und Abgleich der Erlebnisse des Tages, dann liege ich kurz nach 23 Uhr im Bett, das sich heute gleich viel gemütlicher anfühlt.

15.11.2024 – Ans Meer

Heute kein Wecker, in der irrigen Hoffnung, dass ich vielleicht mal länger schlafe. Bin trotzdem vor 8 wach. Der Vorteil ist, dass ich damit den früheren der beiden ausgeguckten Züge schaffen werde. Ich lungere also weniger lange im Bett rum als sonst gerne und füge der halbierten Morgenroutine ein ausführliches Frühstück, Rucksack packen und Katzenextremversorging hinzu. Dann geht es kurz vor halb 10 aus dem Haus und mit der S-Bahn zum Zug. Der ist am Anfang ganz schön voll (Ich muss lange suchen um einen Sitzplatz zu finden, den dann aber sogar am Fenster.), leert sich aber nach wenigen Stationen.

Ich nutze die Zeit bis zum Umsteigen für Bloggen, Französisch und Italienisch. Die Zeit nach dem Umsteigen geht fast komplett für die Tagesaufgaben im Handyspiel drauf. Da habe ich dann aber den Kopfhörer ab und höre amüsiert dem Geplapper um mich herum. Eine Teenie-Schulklasse ist eingestiegen und kehrt nach zweiwöchiger Klassenfahrt nach Hause zurück. Alle freuen sich vor allem sehr auf ihre Handys und unterhalten sich über ihre Modelle, Apps, Bildschirmzeiten usw. Zwei Wochen Abstinenz, das klingt für mich ganz schön schrecklich, wie man sich denken kann. Die Teenies scheinen trotzdem eine gute Zeit gehabt zu haben und sind guter Laune. Dann heißt es Aussteigen und gerade noch rechtzeitig die S-Bahn erwischen. Kurz vor 13 Uhr stehe ich in Warnemünde am Strom.

Ich laufe den Strom entlang, beobachte die Möwen (Da gerade wenige Leute da sind und Fischbrötchen essen, ist die Beute begrenzt und noch heißer begehrt als sonst.) und atme tief durch. Dann geht es die Mole entlang bis ganz nach vorne – die Spitze wo früher der Leuchtturm stand. Hallo, Meer!

Ich spaziere ein Stück den Strand entlang, es ist grau, diesig und auch ganz schön windig. Meine Blase drückt und so verlasse ich den nassen Sand dann recht schnell wieder und suche mir erstmal ein Restaurant. Begleitet von anstrengender Schlagermusik gibt es ein leckeres, wenn auch teures Mittagessen.

Fischtopf mit Pernod und Safran, Sanddornschorle
Dorschfilet mit Wirsing und Kartoffelstampf

Nach dem Essen spaziere ich weiter herum, kaufe Sanddorn-, Holunder- und Rhabarbergummibärchen für zuhause und laufe dann die alten vertrauten Wege von früher. Vom Strom durchs Zentrum bis zum Haus von Oma und Opa, von dort durch den Park bis zur Promenade und dann die Promenade entlang, mit Blick aufs Meer, zurück bis zum Strom. Da dämmert es dann schon langsam. Ich nehme die S-Bahn zurück nach Rostock, steige wie in den ersten Jahren hier „Parkstraße raus“ und laufe zur Wohnung der Freundin, bei der ich dieses Wochenende übernachte.

Hier gibt es warmen Tee und viele Gespräche, wir haben eine ganze Menge Monate aufzuholen. Später kommt ihr Freund dazu, dann geht es um Musik, vergangene und geplante Konzerte und schließlich sehr viel Politik. Zum Abendbrot bestelle ich mir (die Freundin hat es mit dem Magen und speist Haferschleim) den mittags ausgelassenen Nachtisch. Es gibt Wareniki mit Kirschfüllung und Blini mit Apfelfüllung, dazu georgische Estragon-Limonade.

Dazu und danach gucken wir die Bundesdeligiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen und kommentieren fleißig. Wir freuen uns jedes Mal, wenn jemand Bündnis 90 sagt, schütteln den Kopf über eine Friedensbewegte, feiern gute Redebeiträge und erörtern, wie unsere Sympathien auf die verschiedenen progressiven Parteien verteilt sind und was daraus folgen sollte. Hinterher noch die Tagesthemen und dann falle ich todmüde ins Bett.