02.03.2025 – Sonntag, Familie, Oscars

Erstmal ordentlich ausschlafen, das Thema des Tages ist weiterhin Erholung von der Woche. Nachdem ich ja nun das fette geplante Frühstück zum Abendbrot schon gestern hatte und das Müsli alle ist (Nachschub liegt bei den Nachbar*innen oben), gibt es Smoothie – Reste-Banane, Blutorangen, Orangen, Reste-Joghurt, Honig, Haferflocken und zum Verdünnen Quittensaft. Schmeckt gut und macht satt.

Viel Gemütlichkeit auf dem Sofa, bis es Zeit wird, mich fürs Ausgehen fertig zu machen – die zwei Berliner Cousinen haben zur Nachfeier ihrer Geburtstage eingeladen, die in den letzten beiden Wochen stattfanden. Ich fahre mit Tram und U-Bahn nach Fhain zur Wohnung der einen Cousine. Wir beginnen die Feierlichkeiten mit Mate, Tee und Geschenkeverteilung, dann stoßen die Eltern mit Kuchen dazu und der Sekt wird geköpft.

Schaumkusskuchen

Nochmal etwas später geht es in die Trattoria um die Ecke, neben der Wohnung meines Bruders, der aber krank zuhause geblieben ist. Es gibt Lachs-Carpaccio, Panzerotti mit Ricotta-Artischockenfüllung und Orangenbutter und sizilianischen Weißwein (und später Ramazotti und Grappa).

Dunkel aber war lecker

Nach dem frühen Abendessen verabschieden wir uns – die Eltern fahren zurück aufs Land und wir Berliner*innen verteilen uns auf unsere Wohnungen. Ich habe noch einige Stunden bis zur Oscar-Verleihung herumzubringen und bewältige das mit viel YouTube und TikTok.

Ab 1 dann Oscar-Verleihung, im Bett, um die Mitbewohnerin nicht zu stören. Schöne Show und mit viel politischen Kommentaren der Beteiligten. Nach der In-Memoriam-Montage schlafe ich leider ein und wache erst eine Stunde später zum Abspann wieder auf (gegen halb 5). Das wird dann morgen nochmal nachgeguckt, jetzt schnell umdrehen und weiterschlafen!

01.03.2025 – Recovery

Erstmal ein bisschen mehr schlafen, als die letzten Tage, aber dann klingelt der Wecker doch. Zwar fahre ich nicht schon wieder zur Konferenz, aber nur, weil ich einen anderen Termin habe. Vorher noch das Internet leer lesen, Bloggen und mit dem Liebsten telefonieren. Dann hole ich mir schnell etwas zu trinken und den Laptop und ab 10 sitze/liege ich für dreieinhalb Stunden in einem (Online-)Workshop. Ist aber interessant und eben bequemer, als vorher mit der Bahn durch die Gegend fahren zu müssen. In einer der Pausen koche ich Tee (Sencha mit Minze) und hole mir eine Mandarine und Nüsse als Frühstück ins Bett.

Hinterher dann Italienisch und Französisch machen und dann stehe ich gegen 14:30 auf und beginne mit kleineren Handgriffen im Haushalt die Versäumnisse der letzten Tage aufzuholen. Währenddessen steht auch die Mitbewohnerin auf und verlässt die Wohnung zur Nachtschicht. Es gibt wirklich wenig Berührungspunkte in unser beider Tagesabläufe, ich glaube ich habe sie die ganze Woche über nicht einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen. Auch heute reicht es nur für ein paar wenige Worte zwischen Tür und Angel. Danach dann erstmal das richtige „Frühstück“ – Brot mit einer perfekt nachgereiften Crowdfarming-Avocado (angemacht mit Zitrone, Knoblauch, Salz, Pfeffer und Koriander, Guacamole kann man das nicht nennen).

Danach packe ich mir zwei Podcasts auf die Ohren und fange ernsthaft an mit Räumen und Putzen. Als die Fußböden dann trocknen lege ich mich auf die Couch und falle in einen komatösen „Mittagsschlaf“. Dann Wäsche aufhängen, wieder hinlegen und nochmal schlafen. Danach dämmere ich vor mich hin und gucke auf TikTok viele Videos zur aktuellen Situation. So langsam wachen die USA auf und es gibt Proteste nicht mehr nur online, sondern auch auf den Straßen – Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine in den großen Städten, Skiurlaubsstörungen für JD Vance in Vermont und in Boston bereitet man sich auf die ICE Raids vor – natürlich mit Dropkick Murphys im Ohr und dem St. Patrick‘s Day in zwei Wochen vor der Brust.

Zwischendrin überlege ich, was ich morgen frühstücke und bekomme dann so Appetit darauf, dass ich gleich jetzt aufstehe und mir einen sehr buttrigen Bagel mache, mit gebratenen Würstchen und Baked Beans. Frühstück zum Abendbrot gegen halb 10.

Im Anschluss geht es erst in die Badewanne und dann mit Buch ins Bett – das erste Mal Buch lesen seit einer Woche, die letzten sechs Abende kam ich immer erst sehr spät und hundemüde nach Hause – gut tut das!

28.02.2025 – Letzter Tag

Das Weckerklingeln um 6:30 gefällt mir immer noch nicht und die letzten Tage stecken mir arg in den Knochen. So schaffe ich heute auch nur das Bloggen und muss meine Sprachdinge auf später verschieben. Auch das Frühstück bleibt bei einer Banane auf die Hand, keine Zeit zum Mandarine schälen. Allerdings wirkt eine Morgenmate irgendwie noch besser als Kaffee beim Wachwerden, und so bin ich dann auf dem Weg zur Bahn beim Liebstentelefonat schon einigermaßen dynamisch. In der Bahn gibt es heute auch einen Sitzplatz, so dass ich schonmal meinen Duolingo-Streak klarmachen kann.

An der Botschaft dann wieder Sicherheitskontrolle und dann sicher ich mir meinen Platz für den Tag – alle Talks, die ich mir rausgesucht habe, finden heute im gleichen Raum statt. Los geht es mit einem Kollegen von meinem Bruder, der darüber referiert, wie das Tauen des Permafrost sich auf die (größtenteils indigenen) Communities im kanadischen Norden auswirkt und wie internationale Wissenschaftler*innen und die Leute vor Ort zusammenarbeiten beim Erforschen der Situation und beim Entwickeln von Maßnahmen – dabei geht es um so reale Ereignisse wie auseinander brechende Häuser, weil der Boden eben nicht mehr gerade ist.

Im zweiten Talk spricht meine Freundin und ehemalige „Bachelor-Mutter“ über UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Kanada, stellt drei aus dem Norden vor und berichtet, wie es zur Auszeichnung kam und ob und wie in diesen Fällen die indigene Bevölkerung involviert war und wie die Konzepte Weltkulturerbe und indigenes Erbe zusammengehen oder eben nicht.

Danach ist Kaffeepause, ich grüßen den Kollegen von meinem Bruder, mache ein Foto von einer österreichischen Studentin und dem Innu-Autoren, über den sie ihre Masterarbeit schreibt und der parallel in einem anderen Raum gesprochen hat. Also eigentlich mache ich zwei Fotos – mit dem Handy der Studentin in Hochkant, so dass sie es für Insta verwenden kann, und mit dem Handy des Autoren im Querformat, andere Generation eben. Außerdem gibt es Kekse und Gebäck zur Ergänzung meines kargen Frühstücks.

Danach folgt die heutige Keynote, von der Gwichyà-Gwich’in-Wissenschaftlerin, die gestern schon einen Talk über ihr Buch gehalten hat. Heute geht es nochmal ganz ausführlich um die Geschichte der Residential Schools in den North West Territories und die (fehlende) Aufarbeitung dazu. Harter Tobak.

In der Mittagspause gehe ich wieder in den Foodcourt der Mall, heute gibt es Pad Thai und Aloe-Vera-Drink.

Wieder zurück folgt das für mich letzte Panel der Konferenz. Zuerst geht es um Kochbuch des Nordens, das in den 60er Jahren erschienen ist. Der Vortragende untersucht, wer die Zielgruppe ist, warum welche Rezepte vorkommen, wie der Norden in Wort und Bild dargestellt wird und wie das ggf. zur Identitätsbildung Kanadas beitragen sollte. Der zweite Talk spricht über den Norden als Konzept und wie er sich in Essen niederschlägt und führt dabei unter anderem mit dem Kabeljau von Neufundland nach Venedig und zurück. Das dazugehörige Buch erscheint bald und ich werde es auf jeden Fall lesen.

Nach der nächsten Kaffeepause haben die anderen Konferenzteilnehmer eine Sitzung und ich setze mich solange ins schwedische Kaffeehaus um die Ecke, trinke Kanelbullar-Latte und widme mich ausführlich Duolingo, Babbel und dem Internet.

Dabei erreicht mich eine Nachricht eines Nachbarn – es gibt jetzt eine WhatsApp-Gruppe für unser Haus. Ich diskutiere nicht, ob man die nicht lieber bei Signal machen sollte, sondern füge mich und die Mitbewohnerin (nach Nachfrage) hinzu. Das Titelbild ist toll, es zeigt, wie das Haus zu DDR-Zeiten aussah – bevor es als Weltkulturerbestätte wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt wurde…

Der Fotoladen ist heute das Stammcafé

Halb 7 geht es dann zum Conference Dinner in ein bayerisch-alpenländisches Restaurant in der Nähe. Ich trinke Almradler (ist genau das, was man sich darunter vorstellt) und esse Salate, Wiener Schnitzel, Serviettenknödel, Sauerkraut, Käsespätzle, Apfelstrudel und Kaiserschmarrn vom Büffet. Dazu gibt es Gespräche mit meiner Freundin und weiteren langjährigen Konferenzteilnehmenden und Organisierenden und auch einer griechischen Wissenschaftlerin aus Toronto, mit der ich über kanadische, deutsche und griechische Politik rede. Als ich ihr die AfD-Wahlergebnisse im Osten erklären soll, bekomme ich von den anderen am Tisch Schnaps ausgegeben.

Später am Abend kommen dann die legendären Geschichten – Reise-, Tier-, Essens- und Alkoholerlebnisse im Dienste der Wissenschaft. Japan, Island, Labrador, Russland… Ich kann vor allem Geschichten von meinen Eltern und meinem Bruder beitragen, was aber völlig OK ist – meine Reisen sind ja meist südlicher gelegen.

Kurz nach 10 mache ich mich auf den langen Heimweg. Die anderen haben zwar morgen früh noch ein paar Stunden Konferenz, schlafen aber im Hotel um die Ecke, während ich noch eine Dreiviertelstunde nach Hause brauche. Dabei entdecke ich den verwirrenden Potsdamer Platz nochmal von einer anderen Seite.

Auf dem Heimweg und zuhause dann noch Aufholen der Weltgeschehnisse (und Auswertung mit dem Liebsten, der inzwischen im Hotel im Westen angekommen ist). Zelenskij ist mein neuer Zen-Meister und die Welt noch ein Stück bedrohlicher geworden. Trotzdem schlafe ich kurz nach Mitternacht wie ein Stein.

27.02.2025 – Indigenes

Der Wecker klingelt halb 7 und ich bin not amused. Hilft aber nix, so kann ich noch bloggen und meine Streaks in Duolingo und Babbel retten, bevor ich aufstehen muss. Schnelles Frühstück mit Banane und Mandarine und dann geht es mit einem Kaffee zum Gehen aus dem Haus. Auf dem Weg zur S-Bahn telefoniere ich mit dem Liebsten und klage mein Frühes-Aufstehen-Leid. Die Bahn ist um diese Zeit Rush-Hour-voll und wie unwürdig ist das bitte, da morgens gequetscht zwischen so vielen Menschen zu stehen? Das hatte ich zuletzt regelmäßig vor der Pandemie.

Anyway, ich komme rechtzeitig an der Botschaft an, um mich wieder durch den Sicherheitscheck zu begeben – inkl. Rucksacksdurchsuchung – und suche mir schnurstracks ein Plätzchen für den Eröffnungsvortrag. Die Tagung hat allgemein den kanadischen Norden zum Thema, in der Keynote geht es um die Ausbeutung von Rohstoffen und die dazugehörigen Folgen und Rechtsverletzungen für die verschiedenen indigenen Völker im Norden, auch vor dem Hintergrund, dass da jetzt mit kritischen Mineralien ein neuer Boom ansteht. Ich mag, wie der Vortragende sich als „settler scientist“ vorstellt, also direkt von Anfang an dazu sagt, dass er als Weißer zu den Kolonialisten gehört.

In der folgenden Kaffeepause ergänze ich mein spartanisches Frühstück um ein wenig Gebäck und schaue mich dann in der Bücher- und Posterausstellung um. Ein Buch über die Zusammenhänge zwischen Gender und Region nehme ich mit, in dem Romane von weiblichen Autorinnen untersucht werden, die in den Maritimes, den Atlantikprovinzen Kanadas spielen.

Als nächste folgt eine Doppel-Session mit einem polnischen Wissenschaftler, der über die Inuitpolitik Kanadas referiert und einer deutschen Wissenschaftlerin, die über die Zusammenhänge zwischen Sicherheitspolitik und Klimawandel forscht. Witzig ist dabei u. A., das auf den Folien des ersten Vortrags fast ohne Ausnahme immer der Cousin der Bekannten auftaucht, die uns im September in Nova Scotia besucht hat – er ist Präsident der NGO, die die Inuit repräsentiert.

Mittags gehe ich in den Foodcourt der Mall nebenan und esse Quesadillas, Tacos und Limonade, mit u. a. einem sehr leckereren Ananas-Chili-Dip. In diesem Foodcourt war ich früher recht regelmäßig mit ehemaligen Kolleg*innen, ich bin kurz versucht, ihnen ein Foto zu schicken.

Nach der Pause (und Sicherheitskontrolle) geht es mit einer Doppel-Session weiter, die so spannend ist, dass ich nebenbei nicht einmal aufs Handy gucke. Eine Gwichyà-Gwich’in-Wissenschaftlerin stellt ihr Dissertationsprojekt über Residential Schools vor und berichtet dazu über ihre Forschungen, ihre eigene Familiengeschichte und wie sie nach der Verteidigung und vor der Veröffentlichung des Buches noch ein wenig modifiziert hat – z. B. indem sie Hinweise auf westliche Denker entfernt hat und sich mehr auf die indigenen Stimmen konzentriert hat, die es braucht, um diese Geschichte zu erzählen. Im Anschluss sprechen die beiden Inuit-Schwestern von PIQSIQ über Kehlkopfgesang und dessen dunkle Kolonialgeschichte und Bedeutung für Identität und Kultur der Inuit, inkl. Hörproben.

Danach habe ich Luft, während die Mitglieder der Gesellschaft Treffen und andere Programmpunkte haben. Ich nehme einen Bus nach Kreuzberg, mache Besorgungen und setze mich dann in ein Café und tue Dinge auf meinem Handy, zu denen ich noch nicht gekommen bin.

Zitronenkuchen, Ingwer-Minz-Tee, Wassermeloneneistee

Später laufe ich mit Podcast auf den Ohren zurück nach Mitte, bis zur Staatsbibliothek unter den Linden, wo ich wieder auf die Konferenzteilnehmenden (und weiteres interessiertes Publikum) treffe und einem kompletten Konzert von PIQSIQ lausche.

Im Anschluss kaufe ich mir noch ein T-Shirt und dann fahre ich mit U-Bahn und Tram nach Hause, füttere die Katzen und lege mich direkt ins Bett. Der fünfte Auswärtsabend hintereinander fordert seinen Tribut, auch weil noch zwei weitere folgen werden…

26.02.2025 – Kanadamampf

Heute wache ich genau eine Minute, bevor der Liebste anruft, auf, das ist aber diesmal erst um 9. Hier wird sich eindeutiger fehlender Schlaf zurückgeholt! Morgendliche Churchilligkeit im Bett, bis ich mir rechtzeitig zum Webinar um 12 Frühstück mache. Nervig: Wenige Minuten vor Webinarbeginn klingeln Telekom-Menschen an der Tür, stellen eine technische Frage (Glasfaserausbau) und wollen mir dann lang und breit etwas erklären. Ich vertröste auf nach meinem Webinar.

Danach ziehe ich mich dann erstmal in Ruhe an und erledige Dinge und warte immer darauf, dass es wieder klingelt. Das passiert dann aber erst deutlich später und dann wird klar, dass der Erklärwunsch ein Verkaufswunsch ist, den ich dann umgehend abwimmele. Haustürgeschäfte, soweit ist es schon. Wird Zeit, dass das alles wieder verstaatlicht wird! Krückstockfuchtel. Der jugendliche Vertreter (in Ausbildung) ist sichtlich irritiert, als ich sage, dass ich bereits seit über 20 Jahren bei der Konkurrenz bin.

Jedenfalls ist das alles gerade rechtzeitig vorbei, bevor ich los muss – die nächsten Tage verbringe ich auf einer Konferenz in der kanadischen Botschaft. Ich fahre mit Tram und U-Bahn hin und muss dann noch kurz im Regen warten, bis der offizielle Einlass mit Sicherheitskontrolle beginnt.

Dann gibt es eine Eröffnungsveranstaltung mit diversen Honoratior*innen und Einblicken in das Programm der nächsten Tage. Dabei wird fleißig zwischen Englisch, Französisch und Deutsch hin und her gewechselt, schade dass die italienische Community in Quebec es nie zum offiziellen Sprachstatus gebracht hat. Ich bin in meinem Element. Und hinterher gibt es einen Empfang mit kanadischem Wein und Fingerfood. Ich treffe diverse junge Frauen, die gerade an Master- oder Doktorarbeiten schreiben, und fühle mich altersmäßig eigentlich gar nicht so weit von ihnen entfernt, bis sie mich nach meinem Forschungsgebiet fragen und ich erklären muss, dass meine letzte wissenschaftliche Arbeit zu einem kanadischen Thema 20 Jahre her ist. Zum Glück taucht kurz danach meine „Bachelor-Mutter“ auf, die eine der Initiatorinnen der Konferenz ist und obwohl sie nochmal ein bisschen älter als ich ist ganz offensichtlich keine alte Frau ist.

Wir umarmen uns herzlich, trinken Wein, essen Fingerfood und reden über die Geschehnisse, seit wir uns im Juni zuletzt sahen, über gemeinsame Bekanntschaften, über die politische Situation und was uns die nächsten Tage erwartet. Gegen 20 Uhr leert es sich langsam und ich fahre mit einer Weglimonade und zwei S-Bahnen wieder nach Hause. Morgen geht’s hier schon um 9 los!

25.02.2025 – Kreismampf

Der Liebste reißt mich gegen 8 mit einem Anruf aus dem Schlaf, danach muss ich erstmal ganz langsam zurück in den Tag und die Realität finden. Der Wahl-Jetlag ist immer noch stark in mir. Bis ich alles vor mich hin gechurchillt habe und mich ans Aufstehen und Frühstück zubereiten mache, ist es es fast mittags. Ich frühstücke kreisförmiges Gebäck – eins mit Schinken und eins mit Ei – trinke frisch gepressten Blutorangensaft und Kaffee und bin währenddessen in einem Webinar.

Danach ist ein bisschen was zu organisieren und erledigen, bevor ich mich Politikpodcasthörend in die Badewanne legen kann – Grundreinigung inkl. Haarewaschen passt heute ganz ausgezeichnet in den Zeitplan! Ich steige gerade rechtzeitig wieder heraus, um dann die Crowdfarming-Lieferung entgegenzunehmen – es gibt Orangen, Mandarinen und Avocados. Die werden durchsortiert, auf Obstschale bzw. Kühlschrank verteilt und die reifsten Mandarinen direkt gegessen.

Danach chille ich noch ein wenig weiter, vorgezogener Feierabend, bevor ich mich dann gegen halb 7 auf den Weg ins Draußen mache. In einem Kulturzentrum hinter dem Plattenbauviertel findet heute erst das Neumitgliedertreffen und dann das Kreisverbandstreffen der Partei statt, in die ich vor ein paar Monaten mit gemischten Gefühlen wieder eingetreten bin. Es dauerte fast drei Monate, bis mein Antrag bearbeitet wurde (wegen großen Andrangs) und in den letzten Wochen habe ich den Wahlkampf vor Ort von der Seitenlinie beobachtet, auch weil ich ja mit meiner Zweitstimme dann doch eine andere Partei gewählt habe und teilweise das Bashing dieser anderen Partei sehr unangenehm fand. Jetzt also erste tatsächliche Berührungspunkte.

Für die Neumitglieder gibt es ein Begrüßungsgetränk – ich entscheide mich für lokale Rhabarberschorle – und einen Stuhlkreis zum Aufbau des Kreisverbands und wie er im Gesamtgefüge aufgehängt ist. Ganz spannend: Er hat um die 2500 Mitglieder und der Stadtteil Pberg, in dem ich lebe, ist in diverse Stadtteilgruppen unterteilt, weil es hier so viele Mitglieder gibt. Und: In dem Kreisverband sind Abgeordnete aus der Bezirksverordnetenversammlung, dem Abgeordnetenhaus, dem Bundestag und dem Europaparlament, man hat also die Chance, überall ein bisschen mitzumischen, je nach Interessenslage.

Es folgt die monatliche Sitzung, mit Auswertung des Wahlkampfs (im Bundestag gehört der Verband zu zwei Wahlkreisen, das eine Direktmandat wurde verteidigt, das andere nicht, obwohl in beiden Wahlkreisen die absoluten Stimmzahlen hochgingen). Es folgt ein Vortrag von Gäst*innen, die über die bedrohlicher werdenden rechtsextremen Aktivitäten im Bezirk informieren und Möglichkeiten vorstellen, diesen entgegen zu treten. Dann kommen ein paar Formalitäten und Abstimmungen und am Ende berichtet die frisch gewählte Bundestagsabgeordnete von der heutigen gemeinsamen Fraktionssitzung der neuen und alten Abgeordneten, wo sie deutlich gemacht hat, dass sie immer wieder ihre beiden großen Themen – Klima/Umweltschutz und Ostdeutschland aufs Tapet bringen wird. Bin ganz zufrieden, dass ich sie „neulich“ ins Abgeordnetenhaus gewählt habe – für den Bundestag lebe ich in einem anderen Wahlkreis. Zur Feier des Direktmandats hat sie auch noch ein veganes Catering bestellt („Ohne Mampf kein Kampf“), dem wir uns dann ausführlich widmen.

Pilz-Burger, Polentawürfel, Quesadilla, Samosa und Brownie

Inhaltlich und mit dem Essen hat die Partei an diesem ersten Abend bei mir viel richtig gemacht, aber noch fremdele ich ein wenig und werde mir das weiter in Ruhe begucken, schauen, wie die nächsten Wochen und Monate sich so entwickeln, zu weiteren Veranstaltungen gehen und dann mal schauen, ob ich dabei bleibe und mich ggf. auch ins speziellen Gruppen und Arbeitsgemeinschaften engagiere… Nach Ende der Sitzung kurz nach 10 und noch vor dem Sekt mache ich mich auf den Heimweg, die Woche geht noch anspruchsvoll weiter.

24.02.2025 – How are you doing, Germany? Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch!

Man würde ja denken, nach 21 Stunden wach und davon 14 Stunden Wahlhelferei würde ich schlafen wie ein Stein. Stattdessen bleibe ich beim ersten Aufwachen gegen 7 (also nach etwa fünfeinhalb Stunden Schlaf) direkt hellwach und gucke nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis. Immerhin noch BSW draußen. Immerhin kriegt Fritze mit seinem Mist wirklich nur 28 Prozent. Immerhin hat die AfD nicht noch mehr bekommen als prognostiziert war. Immerhin/Noch ein Glück (mit Grüßen an die Kaltmamsell).

Ich beschäftige mich also erstmal ausführlich mit der Wahl und den Ergebnissen in Stimmbezirken, die mir wichtig sind. Bruder, und ich wohnen wie erwartet linksgrünversifft, werden aber ab jetzt nicht mehr von Grün sondern von Links vertreten. Die Ellis wohnen linksgrünversifft und weiterhin grün vertreten. Der Liebste wohnt in Schwarzrotgleichaufland, mit schwarzer Vertretung. Mein Kindheitsdorf ist stramm blau, mit 51,6 % und natürlich einem blauen Abgeordneten. Die Stadt Rostock ist links, aber da noch ein Stück Umland zum Wahlkreis gehört, geht der auch an die Schlümpfe. Achja, und „mein“ Wahllokal gestern ist wirklich eine blaue Insel im linksgrünen Bezirk – das Plattenbauviertel. War gestern eine wilde Mischung aus im doppelten Sinne Alteingesessenen, von denen es im Pberg sonst nur noch wenige gibt, ein paar jungen Migrantisierten, für die es teilweise die erste Wahl in der neuen Heimat war (andere von ihnen berlinerten entspannt drauf los) und eben insgesamt eher Leuten, die vermutlich nur wenig Geld zur Verfügung haben und im weitesten Sinne sozial abgehängt sind oder sich so fühlen.

Erst nach dieser ausführlichen Analyse kommt dann das normale morgendliche Prozedere dran – Internet leer lesen, Bloggen, Französisch, Italienisch. Dazu gibt es mehr Eiskaffee und die Stullen, die ich mir für gestern geschmiert hatte. Mir fällt wieder ein, dass auch beim letzten Einsatz das Abendbrot ausgefallen waren und die Stullen dann mein Frühstück wurden. Ich bin total platt und bleibe einfach weiter im Bett. Gucke die neue Last Week Tonight über Meta und Alternativen und dann einfach die letzten Folgen Parenthood zu Ende. Zwischendurch weiter Wahl-Nachklapp-Neuigkeiten, ein bisschen Austausch mit Freunden und dann ein Liebstentelefonat, als der vom Erste-Hilfe-Kurs nach Hause kommt.

Gegen 17 Uhr ist dann doch noch aufstehen, denn ich habe ja tatsächlich noch was vor. Schlechtes Timing von Fitness her, aber beim Ticketkauf wusste ja auch noch keiner, dass am Tag vorher Wahl ist. Ich stärke mich mit weiteren Stullen und Mate und fahre dann von meinem neulinken Bezirk in einen anderen neulinken Bezirk – in Neukölln spielen heute Franz Ferdinand!

Erstmal gibt es jedoch einen Support Act, nämlich Master Peace, der das Publikum mit „How are you doing, Germany?“ begrüßt. Die Antwort ist sehr verhalten, wird aber im Laufe der Songs etwas besser. Master Peace kann man sich auf jeden Fall merken, die fehlende Stimmung liegt an der Gesamtsituation, nicht an der Musik.

Um 21 Uhr dann endlich Franz Ferdinand. Ich muss daran denken, wie ich sie 2005 in Toronto das erste Mal live gesehen habe, als sie mit dem zweiten Album auf Tour waren. Damals war auch gerade eine rotgrüne Regierung nach einer Vertrauensfrage abgewählt worden und die CDU übernahm mal wieder für 16 bleierne Jahre. Ein Papstwechsel fand auch statt. Aber wenigstens saßen keine Nazis im Parlament. Kann es sein, dass ich zu viel über Politik nachdenke? Das nächste Mal sah ich Franz Ferdinand 2009 in Berlin, da war die CDU gerade wiedergewählt worden und hatte jetzt die unsägliche FDP im Gepäck und ich war gerade aus Wut bei den Grünen eingetreten. Irgendwas ist mit Franz Ferdinand und mir.

Egal, jetzt erstmal Konzert genießen, wa? Das klappt dann erstaunlich gut und nach und nach kann ich den ganzen Politikkram ein bisschen abschütteln (tanzen hilft) und stattdessen lieber darüber nachdenken, dass der kapriziöse Alex Kapranos da vorne ein Fahrrad fahrender, Kartoffeln anbauender und Grüntee trinkender Anglogrieche ist, der in Paris, London und Schottland lebt, eine französische Frau hat, ein kleines anglogriechischfranzösisches Kind und einen guten Freund in Berlin namens Michael. Alles nachzuhören in seiner Folge Und was machst Du am Wochenende.

Anderthalb Stunden lang gibt es Hit um Hit und Tanz um Tanz (ein paar Videos unten, andere auch in meiner heutigen Insta-Story). Große Liebe für „Take Me Out“, für „40‘“ mit Nostalgierührung, weil ich aus dem Intro damals das Jingle für meine Radiokolumne gebastelt habe, für „Michael“ (mit dem echten Michael im Publikum), für „Darts of Pleasure“ mit der legendären Zeile „Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch“, für „Do You Want To“, das 2005 in Toronto ständig im Radio lief, für „Hooked“, bei dem Master Peace mit auf die Bühne kommt, für „Black Eyelashes“, bei dem Alex Bouzouki spielt, für das große Finale mit „This Fire“…

Dann ist es auch schon wieder vorbei und ich bin ganz schön glücklich mit dem Abend. Noch schnell ein T-Shirt kaufen, dann geht es mit U- und S-Bahn nach Hause. Dort erwartet mich noch eine schöne Postkarte aus DDR-Beständen im Briefkasten. So endet der Tag versöhnlich kurz nach Mitternacht im Bett.

Neues T-Shirt und Zilles Berliner Gören

The Dark Of The Matinee
Do You Want To
40‘
No You Girls
Michael
Take Me Out
Audacious
Darts of Pleasure
This Fire

23.02.2025 – Der längste Tag

Ungefähr von halb 2 bis halb 5 geschlafen (unruhig), dann aus Gründen geweckt worden (Katzen unschuldig) und wachgehalten worden. So kommt es, dass ich schon vor 5 Uhr, dem eigentlich geplanten Weckerklingeln, mit Internet leer lesen und Bloggen fertig bin. Von 5 bis 6 dann ausführlich Französisch und Italienisch und dann ist die normal geplante Aufstehzeit. Ich dusche, ziehe mich neutral-bunt an (mit beigem Blazer, ich habe ja jetzt sowas), packe meinen Rucksack, versorge die Katzen und gehe 6:40 aus dem Haus, wo es schon ordentlich dämmert, außer mir aber nur zwei Pflegedienste und einzelne Menschen unterwegs sind, die auch eindeutig nach Wahlhelfenden aussehen. 5 vor 7 bin ich im Wahllokal in der Grundschule im nahen Plattenbaugebiet (wir haben ein Klassenzimmer, das mit vielen Clowns dekoriert ist) und treffe auf den Rest vom Wahlvorstand – alles Freiwillige, drei Männer, sechs Frauen plus drei Frauen als Unterstützungspersonen.

Wir richten das Wahllokal ein, ich hänge Flaggen auf (nicht meine Komfortposition) und beschäftige mich mit Wählerverzeichnis und Wahlniederschrift. Pünktlich um 8 stehen die ersten Wählenden in der Tür. Bis etwa 13 Uhr gibt es immer nur kurze Pausen zum Luftholen und ab und zu auch längere Schlangen. Dann mache ich eine knappe Stunde Pause, esse draußen auf einem Spielplatz meinen Kichererbsensalat und vertrete mir ein wenig die Füße.

Aus Gründen bleibt das bis auf ein paar Toilettengänge meine einzige Pause an diesem Wahltag – insgesamt bin ich also gut 14 Stunden im Einsatz. Ab 14 Uhr wird der Andrang dann merklich weniger (Zeit für Spaß mit begleitenden Kindern und Hunden), aber wir haben trotzdem insgesamt eine wahnsinnig hohe Wahlbeteiligung, von denen die nicht briefgewählt haben, tauchen etwa 70% auf. Interessant ist, dass wenige die Briefwahl beantragt haben zu uns wählen kommen, weil die Unterlagen zu spät ankamen oder sie es sich anders überlegt haben – davon hätte ich viel mehr erwartet, gerade bei der kurzen Frist und im Vergleich zum letzten Mal. Außerdem: Sehr viele Alte Menschen, denen man beim Setzen und wieder Aufstehen auf die Kinderstühle helfen muss. Und: Der überwiegende Teil ist extrem freundlich und gut gelaunt. Nur ein paar Wenige kommen mit zur Faust geballtem Gesicht rein.

Wir können pünktlich um 18 Uhr die Wahlhandlung beenden und mit dem Auszählen beginnen. Dabei haben wir Besuch von einem Bürger, der uns beobachtet – vor der Kneipe gegenüber sind auch den ganzen Tag Leute, die schauen und unsere Unterstützungspersonen kommen mehrmals und bringen neue politische Sticker, die im Laufe des Tages draußen und auf den Schulklos geklebt wurden. Eigentlich geht das Auszählen zügig voran und ich freue mich schon über einen frühen Feierabend. Dann gibt es doch noch eine Diskrepanz (es geht um einen einzigen Stimmzettel) und wir müssen einiges nochmal zählen, und nochmal, bis wir ein stimmiges Ergebnis haben. Dann noch alles verpacken, fertig dokumentieren und das Klassenzimmer wieder in den Originalzustand versetzen (alle Clowns wieder in der richtigen Reihenfolge aufhängen z. B. und die komplizierte Tischordnung wieder herstellen.

Gehen halb 10 verabschieden wir uns und der Wahlvorsteher und ich bringen die Wahlunterlagen mit dem Auto zum Wahlstützpunkt tief in Weißensee – dort werden wir als letztes zugeordnetes Wahllokal von den Helfer*innen vor Ort erleichtert empfangen. Alles sieht gut aus, wir dürfen gehen, fahren zurück in den Pberg und ich laufe die letzten Meter nach Hause, nochmal Kopf durchpusten und Füße vertreten. Meine Vorahnungen zum Wahllokal in der Platte haben sich bestätigt – bei uns vor Ort hat die AfD klar gewonnen, vor den Linken, dann SPD, CDU und BSW gleichauf und die Grünen, der Rest unter ferner liefen. Und das in „Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost“ – so divers ist Berlin. Einen knappen Kilometer westlich von dieser Schule, wo ich wohne, sieht das ganz anders aus, eher so, wie man es in diesem Wahlbezirk normalerweise erwarten würde.

Halb 11 sind die Katzen gefüttert und ich liege auf der Couch, beantworte die Nachrichten des Tages, lese den Wahlabend nach und schaue mir in der Mediathek die Elefantenrunde an. Noch bevor klar ist, dass das BSW wirklich raus ist, also wieder etwa gegen halb 2, liege ich im Bett und mache die Augen zu.

22.02.2025 – Die Ruhe vor dem Sturm

Das erste Mal wache ich kurz vor halb 5 auf, dann lese ich ein bisschen, mache ein paar Kreuzworträtsel und schlafe tatsächlich irgendwann nochmal ein, bis der Liebste gegen 9 aufsteht und uns Kaffee macht. Gemütliches im Bett rumschlumpern, aber irgendwann wird die Morgenroutine vom Teilzeitkind unterbrochen, das jetzt auf meinem Handy spielen will. Da heute sonst dafür nicht viel Zeit bleibt, gebe ich nach. Als ich mein Telefon wieder habe, kann ich gerade noch ein paar Blogposts lesen, dann ist auch schon Frühstückszeit.

Nach dem Essen packe ich direkt meinen Kram zusammen, verabschiede mich und mache mich auf den Heimweg. In der S-Bahn blogge ich dann endlich. Zurück im Pberg noch schnell in den Supermarkt – Proviant für morgen kaufen: Eiskaffee, Eistee, Schokolade, Nüsse und Brot für Stullen, außerdem Obst für die nächsten Tage, bis die nächste Crowdfarming-Kiste kommt.

Zuhause dann Katzen begrüßen und Französisch und Italienisch machen und ein bisschen Spielen. Danach ist es Zeit, die Schulungsunterlagen für den Wahlvorstand nochmal in aller Ruhe durchzugehen. Als das geschehen ist, ist schon später Nachmittag. Ich esse den letzten Rest Risotto und mache für morgen Kichererbsensalat und Stullen zurecht.

Dann noch ein bisschen Internet und Parenthood, erst auf der Couch und später in der Badewanne, zum Müdewerden. Gegen 21 Uhr liege ich im Bett, kurz vor halb 10 telefoniere ich ein letztes Mal mit dem Liebsten, dann will ich eigentlich schlafen, weil der Wecker morgen um 5 klingeln wird. „Will“ und „eigentlich“ sind dabei natürlich die Schlüsselwörter… Dass Fritze Merz heute nochmal verbalen Brechdurchfall hatte, trägt schon mal nicht zu einem rechtzeitigen Nachbeginn bei, die Aufregung vor der morgendlichen Aufgabe tut ein Übriges. Vor Mitternacht wird es jedenfalls dann nichts.

21.02.2025 – Streikschritte

Solidarity costs“ sagt der Liebste und heute kostet uns die ganz schön. Trotzdem sind wir natürlich solidarisch mit den Streikenden bei der BVG und beschweren uns nur ganz leise, weil wir heute sehr viel Zeit, Schritte und im Fall des Liebsten auch noch Taxigeld aufbringen müssen, um unseren freitäglichen Verpflichtungen nachzugehen. Proletarier*innen aller Länder und so.

Erstmal aber beginnt der Tag ganz normal, mit einer churchilligen Session im Bett. Internet leer lesen, bloggen, mit dem Liebsten telefonieren, Französisch leveln, Italienisch üben, Rätseln… Dann stehe ich auf, mache mir Marmeladen- und Pistaziencremestullen und Orange und setze mich an den Schreibtisch.

Bürokratiekram, Korrespondenz, Recher he und zwei Online-Kurse stehen an. Dann gibt es nochmal Krabbenrisotto, noch ein Liebstentelefonat und dann eins mit der Freundin in Frankreich, bevor es Zeit für mi h ist, den Streik zu unterstützen. Statt wie sonst mit Tram und U-Bahn zu den Ellis zu fahren (dauert eine gute halbe Stunde), fahre ich heute mit S-Bahnen und laufe dann noch ein ganzes Stück – Gesamtdauer knappe Stunde. Dort gibt es Tee, Kuchen und Besuch von meinem Leipziger Cousin und einem seiner Kinder. Es gibt wie immer viel zu erzählen – über Kunst, die Sorb*innen, die Arktis, Klimaforschung und natürlich Politik. Das 8-jährige Kind kennt sich schon ziemlich gut aus, fragt interessiert nach, weiß dass die AfD Nazis sind und der Merz „so ein Kanzler“ und dass „Indianer“-Kostüme rassistisch sind. Gutes Elternhaus. Schade, dass das Teilzeitkind heute Verpflichtungen hat, die beiden mögen sich trotz Altersunterschied sehr gern.

Nach guten zwei Stunden muss ich wieder los, laufe die sonstige Busstrecke (ca. 25 Minuten) bis zur S-Bahn und fahre dann nach Südberlin. Ich treffe den Liebsten und das Teilzeitkind am Bahnhof, die von einer Odyssee von drei S-Bahnen statt einem Bus zurück kommen und dann kehren wir beim Stammitaliener ein. Es gibt Sarti Spritz, Caponata, Bruschetta, Carpaccio und Focaccia und dann für mich Doradenfilet mit Spaghetti und Pesto, dazu Cattaratto und hinterher Limoncello.

Leicht angeheitert geht es dann nach Hause auf die Couch. Wir schauen noch ein paar lustige Videos, dann geht das Teilzeitkind ins Bett und bald danach auch wir. Um Mitternacht ist das Licht schon aus.