Der Tag beginnt neblig, beim Aufstehen ist draußen in der Bucht quasi nix zu erkennen (das Foto zeigt mehr, als das bloße Auge sieht):
Wir frühstücken also drinnen, mit prasselndem Feuer im Ofen. Am Ende des Frühstücks ist das Draußen aber schon wieder da und es verspricht, ein schöner Tag zu werden. Nach dem zweiten Teil der Morgenroutine (inkl. Telefonat mit dem Liebsten und den Katzen) machen wir uns auf den Weg, ein paar Dinge zu erledigen. Wir halten am Farm Market und kaufen Milch, lokales Obst und Gemüse sowie Fleisch vom Huhn und vom Bison. Dann geht es weiter zum Baumarkt, wo eine Bestellung abzuholen und Werkzeug zu kaufen ist. Auch am Highway sind die Blätter jetzt deutlich bunter.
Wir fahren den Fluss entlang zurück ans Meer und halten sozusagen am Stammcafé, für guten Cappuccino und Gebäck – für mich stellvertretend für den Liebsten ein Lemon Square – und genießen die Aussicht vom Steg.
Die Küste entlang geht es dann heimwärts, mit einem Zwischenstopp am Stammstrand. Da gerade Ebbe ist, können wir diesmal bis ganz nach hinten laufen – erst zügigen Schrittes, sportlich gegen den Wind gestemmt, später (um die „Kurve“ herum) gemütlicher und Schätze sammelnd – „Irisches Moos“, Muscheln, Hummerscheren, interessantes Treibholz…
Auf dem Rückweg Richtung Auto erkennen wir schon weitem die Nachbarn vom anderen Ende der Bucht auf ihrem beinahe täglichen Strandspaziergang. Wir halten einen kurzen Schwatz über die Geschehnisse der letzten Tage, Neuigkeiten von gemeinsamen Bekannten und den ersten McDonald‘s in Moskau und verabreden uns dann für in ein paar Tagen (meinen letzten Abend hier, schluchz) zum Abendessen. Wer braucht schon Telefone, wenn man einen Strand gemein hat?
Wieder zuhause gibt es zum Aufwärmen Tee und dann lese ich weiter im Buch, bis Mama zum Abendessen ruft – heute gibt es Pasta alla puttanesca, dazu kalifornischen Rotwein und Gespräche über Schriftstellerei, Sozialismus und Sprachfehler. Und nochmal über die Geschehnisse gestern, hier mit einem ausführlicheren Link. Ich beschließe den Abend mit mehreren Folgen Downton Abbey.
In Deutschland ist heute Feiertag – Schlandtag, wie der Liebste sagt, aber das lässt uns hier drüben in Nova Scotia relativ kalt (den Liebsten zuhause auch, von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs also verhaltenes Desinteresse und eher unverhohlene Kritik am Was, Wann und Wie, auch wenn es natürlich sehr praktisch ist, dass wir heute im gleichen System leben, der Weg dahin hätte besser gestaltet werden sollen, dann wäre heute vielleicht auch mehr Einheit zu spüren). Statt Einheitsbrei gibt es also hier erstmal Frühstück, überraschend wieder draußen, weil genau zur Frühstückszeit um 10 die Sonne auf die richtige Stelle des Decks scheint.
Während ich mich dann zur üblichen zweiten Schicht Sprachen, Rätseln und Spielen aufs Sofa zurückziehe, sind die Ellis ab dann mit den Ereignissen in der Lausitz beschäftigt. Heute wird der Gedenkstein für Johann August Miertsching eingeweiht, den sorbischen Missionar und Polarforscher, über den sie nach zwanzigjähriger Recherche dieses Buch veröffentlicht haben und den sie damit aus der öffentlichkeitswahrnehmungsmäßigen Versenkung geholt haben (nachdem er im 19. Jahrhundert schonmal kurz prominent war). In seinem Geburtsort steht also seit heute ein Denkmal, gefeiert mit Chorgesang und Reden aus Lokalpolitik und Wissenschaft. Da meine Eltern ja nun gerade hier und nicht dort sind, trudeln den ganzen Tag über Nachrichten und E-Mails mit Fotos und Videos ein, von diversen Teilnehmenden aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis und es ist alles sehr aufregend.
Irgendwann gönne ich mir eine Pause von der Aufregung und nehme ein Bad, während Papa ins Nachbarstädtchen fährt, um Sauerteigbrot zu kaufen, bevor die Bäckerei dort ein paar Tage zu hat. Er bringt auch Blaubeer- und Himbeer-Scones mit, die wir dann draußen auf dem Deck verspeisen, als wieder genau passend die Sonne rauskommt. Danach bleibe ich noch eine Weile mit meinem Buch sitzen, bevor der Herbstwind zu kühl wird und ich mich wieder auf die Couch verziehe und noch ein Schläfchen halte. Yoga ist weiterhin nicht, der Arm will Schonung.
Nach dem Schlaf ist es dann schon Zeit, nach drüben zu Nachbars zu spazieren, die uns zum Abendessen eingeladen haben. Highlight für mich sind die Katzen, die ich bisher nicht kennengelernt habe, da sie reine Drinnenkatzen sind. Drei sind es, Lily, Brillo und Dorian, und sie sind allesamt sehr flauschig und dekorativ.
Wir trinken Cranberrysaft mit Ginger Ale und später Rotwein, essen Schweinelendchen mit Kartoffelbrei, Möhren und Gravy und später Schokoladenkuchen und haben uns viel zu erzählen – ein schöner Abend! Da Nachbars morgen früh rausmüssen, um ihre Tochter zu nachtschlafender Zeit am Flughafen abzuholen, spazieren wir schon halb 10 mit einer Taschenlampe bewaffnet durch den dunklen Wald zurück. Zuhause geht es dann mit dem Miertsching-Fieber weiter, ich ziehe mich aber schon kurz nach 10 in mein Schlafgemach zurück, gucke noch ein bisschen Downton Abbey und versuche dann ab Mitternacht, dem Armschmerz ein wenig Schlaf abzuringen.
Das Datum sagt es, das Laub sagt es: Der Herbst ist da, jetzt auch spürbar, das Thermometer scheint es nicht mehr über 20 Grad schaffen zu wollen in den nächsten Tagen. Soll uns allerdings nur Recht sein, denn irgendwann muss man ja die ganze Farbpalette erleben, bevor ich in einer Woche weiter nach Toronto fliege. Bald nach dem Frühstück machen wir uns also auf den Weg – erst den hiesigen Fluss entlang ins Landesinnere und dann ein Stück südlich bis zum Kejimkuji-Nationalpark.
Anhalten am Biberdamm
Im Park angekommen machen wir dann erstmal eine kurze Rast mit Keksen, Äpfeln und Wasser – und Aussicht.
Dann geht es zu Fuß einen Fluss entlang, einer Portage von Anfang bis Ende folgend. Links und rechts flitzen die Squirrels an uns vorbei.
Danach fahren wir noch ein Stück weiter und nehmen uns einen der offiziellen Wanderwege vor (Snake Lake), den wir alle drei noch nicht kennen und mit dem ich seit langem mal wieder mein Schrittziel schaffe.
Der See ist so warm, dass wir kurz übers Baden nachdenken, aber wir haben keine Handtücher dabei.
Die ganze Zeit im Park über begegnen uns nur wenige Autos und nur zwei Handvoll Menschen, eine davon im Visitor Center. Ein Traum! Gegen 17 Uhr brechen wir wieder auf und fahren nach Hause, wo wir gegen Sonnenuntergang ankommen.
Zum Abendessen gibt es schnelle Senfeier mit Kartoffelbrei und Gurkensalat. Papa hat währenddessen ein Feuer angemacht und der Abend endet dann lesend auf der Couch.
Gestern war in ganz Kanada Truth and Reconciliation Day, heute ist in Nova Scotia Treaty Day, an dem den Verträgen gedacht wird, mit denen die Mi‘kmaq und die Briten ab 1725 und nach 75 Jahren kriegerischen Handlungen diese beendeten und stattdessen „Freundschaft“, Handel und eine Art gegenseitige Duldung etablierten. Die Mi‘kmaq akzeptierten die Präsenz der Briten, die Briten gestanden den Mi‘kmaq zu, weiter eine gewisse Souveränität beizubehalten. Einmal im Jahr, am 1. Oktober, sandte das britische Königshaus den Mi‘kmaq Geschenke zur Bekräftigung des Vertrags. Seit 1986 wird der Tag von der Provinz Nova Scotia regelmäßig begangen und dient als Beginn des Mi‘kmaq Heritage Months dazu, die Kultur und Geschichte der Indigenen zu ehren und lehren.
Hier im Nachbarstädtchen fand deshalb als Teil 2 zur gestrigen Veranstaltung ein kleines Powwow (auf Mi‘kmaw: Mawio‘mi) statt. Im Vergleich zu gestern gab es mehr Foodtrucks und Verkaufsstände mit Mi‘kmaq-Kunst, mehr Menschen in traditionellen Regalia und ein paar weniger orangene Shirts und insgesamt weniger Menschen – wohl weil heute kein Feiertag ist. Mit etwas Verspätung geht dann die Veranstaltung los – mit dem Grand Entry aller Tänzer*innen, dem Präsentieren der Flaggen (Kanada, Mi‘kmaqi, Every Child Matters und eine weitere, die mir nicht ganz klar ist – entweder von der „lokalen“ Mi‘kmaq-Nation oder etwas regionales Militärisches), dem Eröffnungsgesang, dem Tanz für die Veteran*innen.
Dann kommen zur Auflockerungen ein paar Tanzspiele – sämtlich begleitet von zwei Trommelgruppen und entsprechendem Gesang, bei denen man etwas gewinnen kann – McDonald‘s-Gutscheine nämlich. Der Emcee kommentiert das mit trockenem Sarkasmus „For thosenext dance I welcome everyone with diabetes and high cholesterol to participate, you can win vouchers for this amazing Micky Dee food.” Es folgt ein Tanz für die Kinder, bei dem es für alle Teilnehmenden Süßigkeiten gibt, und dann wird es wieder traditioneller, mit den verschiedenen Altersgruppen und Tanzstilen, die präsentiert werden. Weil es insgesamt nur wenige Tänzer*innen gibt – dieses Mawio‘mi existiert erst im vierten Jahr und ist noch sehr klein – werden da auch Kategorien zusammengelegt und es geht alles etwas schneller.
Zuhause gibt es Muffins und Tee und dann ein ausgiebiges Nachmittagsschläfchen. Dann lese ich in meinem Buch weiter, in dem es genau um die Zeit vor den Treaties geht. Zum Abendbrot kochen wir dann Orecchiette mit Mangold und Regenbogenforelle – sehr Ton in Ton.
Danach lese ich weiter, bis es Zeit für die Vice Presidential Debate zwischen Vance und Walz ist. Endlich zu einer vernünftigen Zeit live mitfiebern! Nur ist dann nicht so viel fiebern, Vance gibt sich erstaunlich nicht-weird und menschlich, Walz verstolpert ein paar Sätze, ansonsten unauffällig bis zum Schluss, als es um January 6 geht und Walz nochmal richtig punkten kann. Weniger spektakulär als Harris gegen Trump, aber hoffentlich kein Hindernis für Trumps Wahlniederlage… Gegen Mitternacht geht es dann auch für mich ins Bett.
Heute ist in Kanada Feiertag – je nach Provinz haben alle oder nur Teile der Bevölkerung frei – in Nova Scotia sind es nur Staatsbedienstete und Angestellte vieler Unternehmen, während Supermärkte und Co. offen sind. Der Anlass ist der Truth and Reconciliation Day, an dem die Aufarbeitung der Verbrechen an der indigenen Bevölkerung gefeiert wird und der vielen tausenden Opfer/Überlebenden der Residential Schools gedacht wird, von denen die letzte erst 1997 geschlossen wurde – ein Jahr, nachdem ich das erste Mal in Kanada war.
Zum Feier- bzw. Gedenktag gibt das Wetter heute nochmal alles. Wir frühstücken draußen, es gibt u. a. Beeren und Lachs, der Umgebung angemessen.
Dann nochmal eine Runde Yoga draußen auf dem Deck, auch wenn ich wegen Armweh und Schwierigkeitsgrad heute hauptsächlich das Video anschaue und staune. Dann heißt es anziehen – orangenes Shirt ist heute quasi Pflicht – und los ins Nachbarstädtchen, wo heute Teil 1 der Veranstaltungen zum Truth and Reconciliation Day stattfindet.
Es gibt eine Bühne mit Trommelgruppe und verschiedene Stände für Kunst und Essen. Etwa 300 Leute sind gekommen (es ist eine recht kleine Stadt), viele sind Indigene in traditioneller Kleidung und fast alle tragen orangene Shirts. Der Emcee eröffnet den Tag auf Mi:kmaw und spricht erst danach Englisch.
Er erzählt von seinem Vater, der ein Überlebender der Residential School in Shubenacadie war und spricht darüber, wie im Prinzip alle Indigenen in Kanada Vorfahren oder Verwandte haben, die Opfer des Systems geworden sind. Diejenigen, die überlebt haben sind tief traumatisiert, wurden in jüngsten Jahren ihren Familien entrissen, ihrer Sprache beraubt, lebten unter furchtbaren Bedingungen und wurden oft auch physisch missbraucht. Ihre Wunden haben sie ein Leben lang begleitet und ihre Traumata wurden und werden vererbt. Viele andere haben das System nicht überlebt. Im Umfeld von Residential Schools werden immer wieder Kinderleichen in Massengräbern geborgen. Und viele sind ganz verschwunden, entweder weil sie geflohen sind und auf der Flucht in der Wildnis umkamen, oder weil es keine Überreste mehr zu finden gibt. Später wird einer der Überlebenden berichten, dass er von 137 Kindern aus Shubenacadie weiß, von denen jede Spur fehlt – sie verlieren sich im Fluss, im Ofen und auf der Schweinefarm nebenan…
Es sind furchtbare Geschichten, die erzählt werden. Die Enkelin einer Überlebenden nimmt uns mit auf eine Gedankenreise, zu ihrer damals vierjährigen Großmutter. Immer, wenn das Auto des Indian Agents ins Dorf kam, wurde sie von ihrer Mutter in den Wald geschickt, um sich zu verstecken. Einmal musste sie mehrere Tage dort ausharren, alleine und ohne Nahrung und Wasser, voller Angst – mit vier!
Die Organisatorin des Tages berichtet, dass sie erst in den letzten Jahren, erfahren hat, dass ihre eigenen Onkels und Tanten auch auf in der Residential School waren. Ab dem Alter von 4-5 Jahren wurden die Kinder eingesammelt und oft sahen sie ihre Familien nie wieder. Deshalb fingen die Erwachsenen an, sich von den Kindern zu distanzieren, sobald sie in das kritische Alter kamen, damit der Verlust für beide Seiten weniger schmerzhaft wird. Und man begann, Geburten nicht mehr zu registrieren, sich dem staatlichen System so weit wie möglich zu entziehen – Kinder, von denen keiner weiß, haben eine Chance, dem System zu entgehen.
Es gibt viele Redner*innen heute, auch eine weiße Lokalpolitikerin, die aber lieber denjenigen die Bühne überlässt, die etwas zu sagen haben und die angehört werden sollen. Dazwischen gibt es Gedichte, Gesang, Tanz. Heilen werden die Traumata nie, aber durch Gemeinschaft, Erinnerungen, Aufarbeitung und die Wiedereroberung der eigenen Sprache und Traditionen kann es vielleicht irgendwann zur Aussöhnung und einem gemeinsamen nach vorn blicken kommen. Wir als Weiße haben da hauptsächlich still zu sein, zuzuhören und zu lernen, zum Beispiel über die 94 Calls to Action – es ist nicht unser Trauma, aber wir können für diejenigen da sein, die damit kämpfen.
Irgendwann brechen wir auf, erledigen noch Einkäufe und fahren dann wieder nach Hause, den Kopf voller Gedanken.
Es gibt Blaubeer-Cranberry-Muffins auf dem Deck und immer wieder Besuch vom Eichhörnchen, das hin und her flitzt und Eicheln mampft.
Richtung Sonnenuntergang essen wir dann ein Abendbrot mit Stulle, Salat und Rührei und dann entfliehe ich den Gedanken endgültig und gucke weiter die 1.-Weltkrieg-Staffel von Downton Abbey…
Zum Sonntag reicht die Kraft der Sonne mal wieder für ein Draußenfrühstück, natürlich mit Ei und allen Schikanen.
Danach bleibe ich auch noch kurz draußen sitzen, bis sich eine größere Wolke vor die Sonne schiebt und es frisch wird. Drinnen dann die üblichen Verrichtungen (immer noch kein Yoga, aus Armweh- und Zeitgründen) und ein Telefonat mit dem Liebsten, der von seiner Heldentaten als DJ vom Vorabend berichtet. Ich habe echt was verpasst und außerdem in den letzten bald fünf Jahren von dieser Seite von ihm viel zu wenig mitbekommen. Daumen drücken für baldige Wiederholung, Anfragen gibt es bereits!
Am frühen Nachmittag brechen wir dann auf nach Lunenburg, wo in der St. John‘s Anglican Church heute ein Orgelkonzert mit Xaver Varnus (berühmter Organist und allgemein illustre Figur, googlen lohnt sich) stattfindet. Es wird Schubert gegeben, dann Chopin und dann Ravel mit dieser Pavane, die Varnus heute „in loving memory“ Maggie Smith widmet. Hinterher noch acht Stücke von Bach, inkl. sogar einiger, die ich kenne bzw. erkannte.
Die „Improvisation“ ist eine Variation über „Good King Venceslas“ und ziemlich witzig. Beim Rausgehen „stolpert“ er dann noch über einen Flügel und haut darauf auch nochmal einen raus.
Wir stolpern nicht, sondern laufen durchs malerische Lunenburg zurück zum Auto – längerer Aufenthalt dann demnächst nochmal – und fahren zurück nach Hause, zu Kaffee und Pflaumenkuchen auf dem Deck.
Danach gehen Mama und ich noch einmal eine Runde durch den Wald und sammeln Pilze, allerdings ist nur eine Handvoll wirklich brauchbar, am Rest waren schon Maden, Schnecken und ähnliches Getier dran. Demnächst müssen wir unseren Radius nochmal erweitern.
Aus dem Pilzen und einer Aubergine wird dann das Abendbrot, dazu Restesalat aus Couscous, Fenchel, Möhren und Paprika.
Den Abend verbringe ich dann weiter mit viel Downton Abbey – in der Badewanne, auf der Couch und schließlich im Bett. Der späte Kaffee wirkt und trägt mich bis in Staffel 2!
Kaum sage ich, dass die Tage sich alle ähneln, schon tanzt einer aus der Reihe. Heute ist nämlich der in der Routine vorgesehene Slot fürs Yoga nicht passend, weil wir da kurz vor Aufbruch sind, und schon passt es auch später irgendwie nicht mehr – der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Allerdings weht der Arm auch so, dass eine Pause vielleicht nicht schlecht ist.
Heute ist die Sonne wieder da und es werden um die 20 Grad im Schatten. Gegen 13 Uhr fahren wir los auf Einkaufsrunde – erst zum Farm Market am Highway, wo wir für einen dreistelligen (kanadische-Dollar-)Betrag lokales Obst und Gemüse sowie ein wenig Fleisch und Wurst einkaufen, dann zum Farm Stand im Dorf, für Eier, Schwarzwälder-Kirsch-Cupcakes und ein Schwätzchen mit den Nachbarn bei Gratis-Pudding-Streusel-Talern. Diese verschieben dann auch erstmal den Wunsch nach Kaffee und Kuchen. Bei unserer Rückkunft setze ich mich draußen aufs Deck in die Sonne und bekomme sogar kurz Lust, zu baden. Das verkneife ich mir dann aber doch.
Dann gibt es irgendwann Cupcakes und Pflaumenkuchen, bevor die Couch ganz laut nach mir ruft und mich in den Mittagsschlaf schickt. Als der zu Ende ist, bin ich zu matt und träge für sowohl Yoga als auch den angedachten Pilz-Spaziergang, den wir dann also auf morgen verschieben. Ich schaue eine Folge Only Connect und dann widmen Mama und ich uns dem Abendessen. Wir zaubern ein bisschen mit diversen Resten – Hühnerklein, -fett und -sauce vom Hühnchen neulich, Hackfleisch und Orzo von der gefüllten Zucchini gestern, dazu neu Champignons, Tomaten und Bohnen und den Rest vom gestrigen Salat. Lecker!
Den Rest des Abends verbringe ich dann mit Maggie Smith – erst mit The Miracle Club, dem letzten vor ihrem Tod veröffentlichten Film, gerade auf Netflix (zumindest hier in Kanada), dann mit den ersten beiden Folgen Downton Abbey (womöglich ist es Zeit für einen Rewatch?).
Den Tag über gibt es übrigens immer wieder Nachrichten aus Deutschland. Der Lieblingsnachbar schickt Fotos von Katzen und Post und hat dann heute die Balkontüren zugemacht – die Temperaturen waren danach. Ich hoffe, die Katzen sind nicht zu enttäuscht, immerhin hatten sie jetzt seit Anfang April ein zusätzliches Zimmer. Und: Der Liebste ist an seiner alten Wirkungsstätte und legt in einer Kneipe Ska, Punk, Soul und Oi! auf. Dass ich das verpasse ärgert mich wirklich sehr (auch wenn der Blick aufs Meer versöhnt). Vielleicht muss ich ihn überreden, das jetzt öfters zu tun!
Die Tage hier gleichen einander inzwischen gar sehr – im positiven Sinne. Was heute anders ist, ist das Wetter. Im Prinzip kann man alle fünf Minuten rausgucken und sieht einen anderen Monat vor sich – Nebel und Regen, grau und trübe, Sonne mit Niesel, strahlendblauer Himmel und dann wieder von vorn. Vor dieser Kulisse also alles das, was ich hier jeden Tag so mache – Internet leer lesen, mit dem Liebsten telefonieren, bloggen, frühstücken, Französisch, Italienisch, Sorbisch, tägliche Rätsel, Handyspiel, Yoga, Tee und Kekse, dann viel Social Media statt Lesen (Maggie Smith!) und schon ist der Tag wieder fast rum und es wird Zeit, das Dinner für den Besuch vorzubereiten… (unter den Bildern geht’s weiter!)
Eine Nachbarin (aus dem Nachbardorf, auf der anderen Seite der Bucht, beim Leuchtturm) kommt vorbei und das verlangt natürlich nach einem Festmahl.
Bruschetta-Variation, Hummus, Salat aus Sonnenblumen-Sprossen, Karotten, Gurke, Fenchel, Heidelbeeren und Hanfsamen mit einem Dressing aus Sonnenblumenöl, Leinöl, Zitrone und AhornsirupMit Hackfleisch und Käse gefüllte Riesenzucchini, OrzoPflaumenkuchen vor……und nach Bestreuselung und Backen
Dazu gibt es den neulich gekauften Rosé aus Bear River und natürlich spannende Gespräche, u. a. über Hybridautos, Solaranlagen, den Garten, Mennoniten, die politische Zukunft Justin Trudeaus, Reisen durch Europa, das Uni-Leben in Montreal (die Gästin ist aktuell noch Professorin dort, im letzten Jahr vor der Rente), die Geschichte der amerikanischen Indigenen, das Kulturangebot in Nova Scotia, neue Gastronomie-Ansätze und die Diversifizierung des lokalen Feuerwehr-Fördervereins. Der bestand nämlich bisher nur aus Frauen, die Unterstützungsarbeiten leisten und für Veranstaltungen kochen, bei denen Geld für die Feuerwehr gesammelt wird. Vor einer Weile ist ein erster (schwuler) Mann beigetreten, seitdem nennen sie sich nicht mehr Frauen-Förderverein, sondern nur noch Förderverein. Jetzt ist der erste Hetero-Mann beigetreten. Noch verrückter! Aber, so erklären es sich die Einheimischen: „Der ist Franzose!“ Na dann… Ein schöner Abend!
Der Tag beginnt wieder gemütlich und häuslich – viel Zeit im Bett, Frühstück, viel Zeit auf dem Sofa, dann Yoga und wieder Sofa. Draußen bleibt es meist grau und kühl.
Den Nachmittag über lese ich endlich Arne Semsrotts „Machtübernahme“ zu Ende – inspiriert von den Ereignissen im thüringischen Landtag und dem angekündigten neuen linken Jugendverband des ehemaligen Vorstands der grünen Jugend. Sehr anregende Lektüre, teils beunruhigend, teils Mut machend.
Statt Kuchen heute Eis mit Obstsalat
Gegen 17 Uhr brechen wir dann auf zu einem kanadisch frühen Dinner in einem Resort in der Nähe, das mich immer an Dirty Dancing (oder Marvelous Mrs Maisel) erinnert – Ferien wie im Borscht Belt, aber direkt am Atlantikstrand. Es gibt ein Hotel mit allen Annehmlichkeiten, diverse Hütten, Glamping-Zelte, einen Golfplatz, Feuerstellen und in der Hauptsaison bestimmt jede Menge geführte Aktivitäten. Wir sind wegen der heutigen Curry Night hier, die heute zum letzten Mal in diesem Jahr stattfindet – der indischstämmige Sous Chef setzt(e) den Sommer über jeden Donnerstag ein Curry-Gericht auf die Karte.
Erstmal drehen wir jedoch eine Runde über das Gelände, fotografieren die Kaninchen, die hier immer frei herumlaufen und lassen uns am Strand den Wind um die Nase wehen.
Dann nehmen wir drinnen an unserem reservierten Tisch Platz – mit Blick aufs aufgewühlte Meer und einen mutigen (?) Schwimmer.
Das dieswöchige Curry umspielt ein schönes Stück Schwertfisch und ist von einem Rezept aus Kerala inspiriert – mit Fischbrühe, Tomaten, Kokos, Lauch und Papadam, dazu eher italienisch zubereitete Limabohnen und Spinat. Sehr lecker und mit einer angenehmen Schärfe. Der lokale Weißwein dazu ist zwar halbtrocken (off-dry), passt aber trotzdem gut.
Zum Nachtisch teilen wir uns eine mit Lavendel aromatisierte Zitronentarte mit Beeren und Wildblaubeercoulis und eine Tarte aus dunkler Schokolade mit Kirschgel und Beeren. Beides sehr lecker.
Bei beginnendem Sonnenuntergang fahren wir wieder nach Hause. Wir beschließen den Abend am Kamin, mit Rum und Tee für die Eltern und Dark ‘n’ Stormy für mich. Dazu lese ich knapp die ersten hundert Seiten von A. E. Johanns „Ans dunkle Ufer“ über die deutschen Einwanderer, die im 18. Jahrhundert hier in der Gegend die erste größere weiße Besiedelung starteten – angeworben vom hannoverschen Herrscher, der auch König von England war und ein protestantisches Gegengewicht zu den französischen Katholiken suchte.
Der Tag beginnt vergleichsweise früh – für die anderen – weil schon um 9 ein Nachbar vorbeikommt, um die Dachrinnen zu reinigen. Ich muss trotzdem erst um 10 aufstehen und lese erst nach Alex Capus – Susanna zu Ende, dann gibt es Frühstück drinnen, draußen ist es zu kühl und außerdem grau und außerdem fallen in regelmäßigen Abständen Laubbatzen vom Dach. Zum Frühstück außerdem die Nachrichten vom Grünen-Parteivorstand samt innerfamiliärer Einordnung der Misere mit der deutschen Politik gerade. Danach erstmal dringend auf die Couch.
Ich mache Französisch, Italienisch und Sorbisch, bearbeite E-Mails, reserviere eine Unterkunft im Harz, mache Spiele und Rätsel und dann ist es plötzlich schon 13 Uhr oder so, als ich mich zum Yoga zurückziehe – die Eltern fahren indes zum Bäcker. Das Yoga ist heute lang und fordernd, zum Glück ist danach quasi schon Kuchenzeit, dazu grüner Tee mit Mangosaft an pittoresker Raupe. Für den Moment ist die Sonne da und wir können ein bisschen draußen sitzen.
Deshalb springe ich dann auch schnell unter die Dusche und komme dann mit nassen Haaren wieder raus, die dann von Mama geschnitten werden. Erster Haarschnitt seit zehn Jahren, es kommen etwa 15 splissige Zentimeter ab und dann fühle ich mich gleich leichter und agiler. Höhö.
So „erleichtert“ geht es zurück auf die Couch und dann bleibe ich irgendwie wieder bei Only Connect hängen und schaue im Laufe des Tages die komplette erste Staffel zu Ende, nach dem letzten Vorrundenspiel die Viertelfinale, die Halbfinale und das Finale – mit stetig ansteigender Schwierigkeitskurve. Halleluja, was für ein mindfuck. Großartig!
Zwischendurch gibt es dann zum Abendbrot noch die vor einer Weile virale Baked Feta Pasta (Beispiel hier), heute mit Bucatini. Ansonsten passiert wirklich nicht viel, aber ich sehe jetzt ein bisschen anders aus.