Das Wort Schonung ruft bei mir sofort Bilder von lichtem Nadelwald hervor. Als ich klein war gingen wir nämlich zum Pilzesuchung in die „Schonung“ neben den Bahngleisen, wo wie ich mir heute zusammenreime wohl Nadelwald aufgeforstet wurde, der geschont werden sollte. Ich hingegen forste gerade Sprunggelenk und Bänder wieder auf – so to say. Das viele Hochlegen und Kühlen gestern hat gemacht, dass der Fuß heute samt Schiene einigermaßen komplikationslos wieder in den Schuh passt (Das Blasenpflaster an der Ferse hilft sicher auch). So kann ich vorschriftsgemäß beschuht durch die Wohnung tapern, wenn ich denn tapern muss. Das gefällt mir, ich handle nur ungern gegen medizinischen Rat.
Zum heutigen Tapern gehören Katzenklos durchsieben, Essen zubereiten (zweimal) und auf dem Balkon sein. Ich hole zum ersten Mal dieses Jahr wieder einen Liegestuhl raus, lege den Fuß auf gepolsterte Getränkekisten hoch und verbringe die Zeit von Frühstück bis Sonne ums Eck draußen. Ganz schön heiß schon wieder in der Sonne, bald muss ich mir für den Fuß einen Schattenplatz basteln, sonst passiert hier das Gegenteil von Kühlen.
Später schone ich die Aufforstung mit einem ausgiebigen Mittagsschlaf, aus dem ich mit einem Hüngerchen erwache. Zuletzt habe ich mehrfach eine Balkanvariante von Nudeln gesehen, mit einer Sauce aus säuerlichem Milchprodukt und scharfem Paprika. Ich baue mit vorhandenen Mitteln nach (Joghurt und Sriracha) und reichere mit veganer Salami, Erbsen und Ricotta salata an. Schmeckt sehr gut und chön charf.
Ansonsten beschäftigt mich die politische Weltlage, ich versuche aber, die streng aus humoristischer Sicht zu betrachten, das ist besser für die Psyche. Logische Folge ist, dass ich am späten Nachmittag anfange, das nächste Netflix-Whodunnit zu gucken, nämlich The Residence, das im Weißen Haus spielt und sehr unterhaltsam ist. Anders als gestern gucke ich aber nicht direkt bis Schluss, sondern mache mitten in Folge 6 das Licht aus, als mir die Augen zu fallen. Morgen mehr.
Heute besteht meine einzige richtige Aufgabe darin, den Fuß zu schonen. Hochlegen, kühlen, unnötige Gänge vermeiden, Schmerzmittel geschickt dosieren, sowas. Jetzt wo ich weniger von den Schmerzmitteln nehmen soll, werden die Schmerzen natürlich mehr, bahnbrechende Erkenntnis.
Ich gehe meinen Aufgaben im Bett nach und verlasse es nur für
Gänge ins Bad
Gänge in die Küche, vorwiegend um Kühlpacks zu tauschen
Gänge um die Balkontür aufzumachen oder zu schließen
Einen Gang an die Tür, um eine Lieferung entgegen zu nehmen, die sicherstellt, dass ich auch die nächsten Tage Gänge vermeiden kann
All das mit Schiene, aber ohne Schuhe. Eigentlich soll ich die Schiene auch zuhause in einen Schuh stecken, aber erstens liege ich heute fast nur und zweitens passt so ein dicker Fuß mit Schiene nur schmerzhaft in einen Schuh und wird dann noch dicker. Ich laufe dafür sehr vorsichtig, wenn ich denn laufe.
Sonstige Highlights des Tages:
Telefonat mit einem Freund über Geschehnisse der letzten Wochen und seine Reisen (abgeschlossenene und kommende) nach Uganda
Lecker Spaghetti mit der Marcella-Hazan-Tomatensauce und ricotta salata
Sehr viel Netflix, nämlich erst Running Point (wenn Mindy Kaling Succession mit Ted Lasso mischt und deswegen alles sehr woke und die Männer alle sehr handsome sind) und dann The Perfect Couple (spannender Whodunnit vor schöner Landschaft) und das aktuelle Josh Johnson Special zu Signalgate
Neuer Monat und der erste Schwung Pläne ist schon wieder über den Haufen geworfen. Fahrrad aus dem Keller holen wird noch dauern, Sport ist für den Monat abgesagt, ebenso das Netzwerktreffen diese Woche, drei Treffen mit Freundinnen sind verschoben bzw. aufs Telefon verwiesen, was mit den weiteren Terminen des Monats wird (und dem Familienurlaub gegen Ende) steht erstmal noch in den Sternen. Ich möchte das nicht.
Zunächst jedenfalls erstmal ein gemütlicher Morgen wie er sein soll, mit Frühstück sogar auf dem Balkon, die Sonne verlangt es so. Dann vorsichtiges Grundreinigen mit Waschlappen, Duschen in der Badewanne traue ich mich grad noch nicht, steht aber demnächst wohl an. Gegen Mittag steht ein schönes Webinar an, das nehme ich heute im Liegen wahr, und dann kommt der schwere Teil des Tages: Ich muss in die Schuhe und nach draußen. Langsam, langsam laufe ich bis zum Orthopäden. Eigentlich Termin wegen der Schulter, die vertagen wir aber erstmal, als ich ihm meinen Fuß zeige – ein inzwischen blaugelbes unförmiges Monstrum ist das. Er guckt und tastet und drückt (Aua!) und verlangt dann nach einem zweiten Röntgenbild, diesmal vom Mittelfuß. Wenn ich das bis 17 Uhr besorgen kann, muss ich nicht morgen früh um 8 wieder auf der Matte stehen.
Mein Ehrgeiz ist gepackt. Die Röntgenpraxis von neulich hat allerdings wegen Bauarbeiten geschlossen, wie ich feststelle, nachdem ich schmerzvoll hingehumpelt bin. Alle anderen sind weit weg. Ich rufe mir ein Taxi und lasse mich von einem jungen arabischstämmigen Menschen, der lautstark telefoniert, nach Lichtenberg bringen. Dort erstaunlich kurzes Warten, erstaunlich angenehmes Röntgen und dann (es ist kurz nach 16 Uhr) mit dem nächsten Taxi zurück. Nach Amar jetzt Hüseyin.
Der Mittelfuß scheint nicht gebrochen, die Schmerzen kommen wohl vom Hämatom, das womöglich von gezerrten und/oder gerissenen Bändern kommt – und ein bisschen vom angebrochenen Sprunggelenk natürlich, aber die Schmerzen sind eher auf dem Fußrücken und halt überall da, wo der Schuh drückt. Ich soll weiter Schmerzmittel nehmen – mit etwas reduzierter Dosis, wegen der Nebenwirkungen, die Schiene sechs Wochen Tag und Nacht tragen (jetzt also wohl noch fünf, außerdem hat man auf Helgoland wohl ziemlich veraltete Schienen, höre ich raus) und ansonsten den Fuß hochlagern, kühlen und unnötige Gänge vermeiden. Krankschreibung und Wiedervorstellung nächste Woche.
Ich humpele zur Straße vor und lasse mich dann von Hasim nach Hause fahren. Die Berliner Taxis, zumindest die, die man über meine App buchen kann, sind fest in türkisch-arabischer Hand, dafür kommen Essens- und Lebensmittellieferungen von Südasiaten (Gendern nicht nötig), Pakete von Ukrainer*innen und Blumenläden und Beauty- bzw. Schneidereibetriebe werden vietnamesisch geführt. Spannend, wie sich das so zurechtsortiert. Diaspora ist immer wieder ein Faszinosum.
Wieder zuhause bin ich am Verhungern und mache mir erstmal einen großen Salat (Restkartoffel, Wildkräuter, Gurke, Radieschen, Tomate) mit selbst gebautem Ranch-Dressing und Stulle mit veganer Salami. Dann Fuß hoch und das zweite Webinar des Tages, dessen Präsentator sich optisch von einem KI-generierten Avatar vertreten lässt.
Hinterher dann Kühlpack auf den Fuß und diverse Telefonate und Korrespondenzen, inkl. Krankmeldung verschicken, Termine absagen und verschieben und gute Wünsche und Ratschläge einholen. Recht früh wechsle ich dann ins Bett hinüber, wo ich erst noch versuche zu lesen, aber recht bald lieber leicht ziellos durchs Internet husche (ab und zu bei Cory Booker reinschauen und mich freuen, dass es sowas noch gibt, ein bisschen politisches Tagesgeschehen, ein bisschen Podcast, ein bisschen Kreuzworträtsel…) und dann schon kurz nach 22 Uhr das Licht ausmache. Einschlafen dann mit einem sehr kalten und einem sehr warmen Fuß (da liegt Nimbin drauf).
Und Zack ist das erste Viertel des Jahres rum und es ist schon wieder nicht zu glauben. Ein anderes für mich relevantes Jahr ist immerhin erst zu einem Sechstel rum, das gibt Hoffnung. Jedenfalls gibt es mal wieder viel zu reflektieren und dabei trifft es sich doch gut, dass der Plan für heute hauptsächlich aus Liegen besteht. Was außerdem passiert:
Katzen kuscheln, Internet leer lesen, Französisch, Italienisch, Rätseln, Bloggen, mit dem Liebsten telefonieren, Weltlage beobachten, Handy spielen – the usual.
Auf Behördenschreiben reagieren
Statt einkaufen zu gehen die gestern angefangene Lebensmittelbestellung abschließen und wenig später entgegennehmen und verräumen
Es gibt erstaunlich viel von dem, was ich sonst auch kaufen würde, einiges aber so gar nicht. Für Extremsituationen trotzdem eine gute Lösung.
Weil ich gerade im Flow bin gleich noch die nächste Bestellung Katzenfutter und -streu zusammenklicken
Die Crowdfarming-Obstkiste entgegennehmen
Den Katzenbrunnen und den Katzenstreueimer wieder in einen funktionierenden Zustand versetzen – von beiden speziellen Mechaniken war die Mitbewohnerin in meiner Abwesenheit überfordert, jetzt funzt alles wieder
Mal ein längeres Gespräch mit der Mitbewohnerin führen, die ausnahmsweise heute frei hat – einiges über Behörden, Krieg, anstehende Geburtstage und dass 42 werden mental einfacher ist als 25 werden
In einem spannenden Webinar den Conflict Coach vorgestellt bekommen, einen Custom GPT mit dem man schwierige Gespräche trainieren kann, einfach aus dem Alltag oder zum Beispiel auch politische Diskussionen im Netz oder in der Kohlenstoffwelt und dabei verschiedene Strategien ausprobieren, verschiedene Positionen einnehmen und sich Rat über die Wirkungen von Aussagen holen kann. Den habe ich mir mal gespeichert und vielleicht nutze ich den zukünftig, Anlässe finden sich ja genug.
In einem weiteren spannenden Webinar über zwei wissenschaftliche Studien gelernt, wie auf X und TikTok auf die deutschen Wahlen Einfluss genommen wurde – mit jeweils unterschiedlichen Mechanismen bekamen dort AfD-nahe Posts und Accounts deutlich mehr Reichweite als andere – teils durch Bots, teils durch Interaktion mit Elon Musk, teils durch gezielte Kommentare. Die Erkenntnis: Eine Einschränkung der Meinungsfreiheit findet nicht staatlicherseits und auf qualitativer Basis statt, aber indirekt durch die technische Verdrängung anderer Inhalte schon. Aufgabe der EU ist es, Wege zu finden, dem Einhalt zu gebieten. Andere Erkenntnis: nur die Linke hatte auf TikTok eine vergleichbare Reichweite wie die AfD, allerdings ließ sich dort keine künstliche Einflussnahme feststellen.
Ben Meyers Offene See zu Ende lesen und für gut befinden. Macht Lust, mehr über Nachkriegsengland zu lesen. Dafür dass ich mir drei Bücher für die Zeit am Meer mitgenommen hatte, habe ich für das erste erstaunlich lange gebraucht. Jetzt überlegen, ob ich mit den anderen beiden warte, bis ich wieder am Meer bin?
Zum ersten Mal seit langer Zeit (Reiserei) wieder kochen – es gibt Lachs und Pellkartoffeln in einer Dill-Sahne-Sauce und dazu Wildkräutersalat.
Mit dem nächsten Buch, Springweg brennt von Mequito in die 90er nach Utrecht und da in die spannende Hausbesetzerszene reisen. Auch das ein vergnügliches und vor allem lehrreiches Lesen, das Lust auf mehr macht. Zum Glück kann man da ein ganzes Blog mehr lesen, mir geht es wie der Kaltmamsell, ich kann einiges aus der Bloglektüre anlegen. Sehr über die persönliche, handschriftliche Widmung gefreut. Ich werde versuchen, der Rechnung zu tragen, wenn es die Situation zulässt!
Zwischendurch immer wieder mit dem Fuß beschäftigen und versuchen, Schmerzmittel – innere und äußere – angemessen zu dosieren.
Am Abend dann noch Valeria zu Ende gucken und nachdem die letzten beiden Staffeln weniger gut waren als die ersten beiden dann mit dem Ende versöhnt sein. Die letzte hat nur sechs Folgen, so dass ich dann „schon“ kurz nach 1 das Licht ausmachen kann.
Ich wache nur erst gegen 7 auf, weil sich meine Uhr des Nächtens vorgestellt hat – der Liebste liegt auch schon wach und liest, bald darauf rührt sich das Teilzeitkind und er traut sich, aufzustehen und die Kaffeemaschine anzuschmeißen. Gemütliches Herumsandeln im Bett, dann hinunter zum Hotelfrühstück mit Liebstenschwester, Liebstenschwestermann und Nifftenkind. Heute ohne Hemmungen, denn der Tag wird lang.
Hinterher heißt es Sachen packen, Auschecken und zu den Liebsteneltern fahren. Wir sitzen und erzählen noch kurz, machen ein paar Fotos und ein paar Pläne und dann steigen Team Berlin und Team Bremen (Rot 1 und Rot 2) in die jeweiligen temporären Autos und machen sich auf den Heimweg. Team Berlin lässt sich dabei wie gewohnt vom Känguru begleiten. Vermutlich wegen der A100-Sperrung werden wir am Ende einmal komplett über den nördlichen Berliner Ring geleitet, begleitet von einem veritablen Starkregenereignis. Ich manifestiere mir ein Aufhören des Regens für den Moment, als ich aus dem Auto steigen muss und siehe da – das hat Erfolg. Weniger Minuten vorher wird der Regen schwächer, Berlin sieht frühlingshaft herausgeputzt aus und als wir vor der Tür stehen ist es trocken.
Ich verabschiede das Kindelein, der Liebste trägt mir noch den Koffer hoch, dann bin ich wieder allein zuhause. Allein? Natürlich nicht, zwei kuschelige Kuschelkatzen sind sehr entzückt, mich wieder zu haben und verfolgen jeden meiner (wenigen Schritte). Ich packe meinen Koffer aus, stelle die Waschmaschine an, ziehe frische Bettwäsche auf und stelle mir eine Lebensmittellieferung für morgen zusammen (Ziel ist weiter, möglichst wenig zu laufen und dem Fuß Gelegenheit zum Abschwellen und Heilen zu geben…). Dann bestelle ich mir Pierogi zum Abendessen und gehe die Post durch. Schönste Sendung ist die eben erschienene Novelle von Mequito, deren Entstehung ich in den letzten Monaten im Blog verfolgen konnte und die ich direkt nach meinem aktuellen Buch lesen werde.
Bis das das Essen kommt, kümmere ich mich um Duolingo und Babbel, dann schaue ich dazu und danach Fräulein Smillas Gespür für Schnee, passend zur aktuellen Wichtigkeit von Grönland (und Dänemark) in der Nachrichtenlage, der gerade in der Mediathek verfügbar ist. Kurz danach verschwinde ich recht schnell im Bett, telefoniere nochmal mit dem Liebsten und lasse mich dann von den Katzen in den Schlaf schnurren.
Gestern beim ins-Bett-Gehen hat das Teilzeitkind meinen Fuß nackt gesehen, heute Morgen beim Aufstehen der Liebste. Jetzt werden hier andere Seiten aufgezogen und ich habe ein striktes Schrittzielverbot bekommen. Darf nicht mehr mehr Schritte machen als der Liebstenpapa, der altersbedingte chronische Schmerzen beim Laufen hat. Nebenbei versuche ich auch, meine Schmerzmittel zu reduzieren, weil die Nebenwirkungen gewaltig sind. Trifft sich dann also ganz gut, mehr zu ruhen.
Beim Frühstücksbüffet dann auch nur zwei Gänge statt drei und danach erstmal nochmal hinlegen, bevor wir uns am späten Vormittag zu den Liebsteneltern aufmachen, die neue Wohnung bewundern und Pläne schmieden. Gegen Mittag dann geht es los aufs Land, durch grüne, blühende Landschaften (die Magnolien!) hin in ein Tal, in dem der Liebstenpapa schon seit über 70 Jahren regelmäßig zum Essen einkehrt. Als erstes kommen große Terrinen Suppe auf den Tisch, dann Hauptgerichte à la carte, eine große Schüssel Salat und am Ende Kabinett-Pudding mit Vanillesauce. Dazu lokaler Apfelsaft aus dem Tal.
Die Hauptgerichte werden von einem Servierroboter in Katzenoptik gebracht, ist halt doch das 21. Jahrhundert. Nach dem Essen ist erstmal Mittagsruhe. Die Fußlahmen liegen und schlafen, die anderen schwimmen und saunieren. Am frühen Abend dann wieder Sammeln und Fahrt zum nächsten Lokal aus Kindertagen des Liebstenpapas. Hier gibt es unter anderem Altbierbowle, Rinderbrühe, verschiede Pfannkuchen und Stippmilch mit Früchten.
Und dann halt wieder liegen und schlafen. Irgendwer muss das ja auch alles verdauen…
Ich wache auf, als das Nifftenkind in die Kita gebracht wird und wechsle bald darauf vom Gästebett auf das Sofa. Der Vormittag verläuft sehr chillig und mit viel weniger Bewegung als die letzten Tage – der Fuß freut sich. Am frühen Nachmittag beladen wir das Auto, holen das Nifftenkind aus der Kita ab und fahren ein Stück nach Süden, also ganz in den Westen, in die Stadt der Liebsteneltern. Wir checken im Stammhotel ein und während die anderen den Pool frequentieren, wage ich die erste Duschung seit dem Sturz und erhole mich danach bei einer Folge Valeria.
Dann ist es auch schon Zeit fürs Abendbrot – die Liebsteneltern treffen ein, der Liebstenpapa empfängt Huldigungen und Gratulationen („Mit 88 Jahren…“) und wir gehen ins Restaurant. Es gibt einen Tinto de Verano für die volljährigen Damen, dann für mich Erbsen-Kokos-Suppe, Pasta mit Spinat-Tahini-Sauce und Pecannuss-Crunch und Sanddorn-Parfait mit Mango-Ragout.
Währenddessen verfolgen wir das Näherkommen vom Liebsten und dem Teilzeitkind, die sich über die Autobahn herantasten. Die letzten 20 Minuten beobachtet der Liebstenpapa en detail über Live-Standort – auch mit 88 noch Neues entdecken, so wichtig! Auch die beiden bekommen nach ihrer Ankunft noch etwas zu essen. Bald danach bricht die Ü80-Generation auf und die U6-Generation geht ins Bett. Der Rest bleibt noch ein wenig sitzen und verteilt sich am Ende auf Betten bzw. Kneipentheke. Traditionen müssen sein.
Der Wecker klingelt schon halb 6, damit ich genug Zeit habe, wach zu werden, Schmerzmittel zu nehmen, mich anzuziehen und meine Sachen zu packen – alles mit Handicap. Halb 7 klettere ich die Treppe runter und bin die Erste beim Frühstück – aber nur kurz, es reisen noch andere Gäste heute ab und die nächste Fähre geht erst morgen Nachmittag. Alle sind bemüht freundlich trotz der frühen Stunde, aber alle lehnen das angebotene Spiegelei ab. Während ich esse, wird mir mein Koffer runtergetragen.
Kurz nach 7 breche ich dann auf zum Kai, der Weg kommt mir ganz schön lang vor – den bin ich vor ein paar Tagen mit noch viel Schmerzen als jetzt echt gegangen? Uiuiui. Ich gebe den Koffer ab, schlurfe die Gangway hoch und setze mich auf den gleichen Platz wie auf der Hinfahrt. Bis die Fahrt losgeht und das Internet weg ist, schaffe ich es noch zu bloggen, Französisch und Italienisch zu machen. Dann höre ich die ganze Fahrt über Bela B. im Hotel Matze zu und gucke einfach aufs Wasser.
AbfahrtAnkunft
Nach dem Anlegen in Cuxhaven, das früher stattfindet als erwartet, habe ich genügend Zeit bis mein Zug fährt und ich nehme den langen Weg um den Deich herum zum Bahnhof – nochmal einen tadelnden Blick auf die Treppe werfend, die meinen Fuß kaputt gemacht hat. Am Bahhof sitze ich noch eine Weile in der Sonne und telefoniere dann auch zum ersten Mal heute mit dem Liebsten. Dann kommt der Zug, der mich von der Elbe an die Weser, zunächst einmal nach Bremerhaven bringt. Hier schließe ich mein Gepäck weg und setze mich dann erstmal in ein Restaurant mit typischen lokalen Spezialitäten und bestelle mir einen riesigen Grillteller mit Şiş Kebap, Hähnchen, Lamm, mit Schafskäse gefüllten Pide, Lahmacun, Couscous, Salat, Reisnudeln, Cacık und Co, dazu Tee.
Eine knappe Stunde nach mir kommt mein Bruder an. Wir fahren mit dem Bus Richtung Altstadt und Hafen, legen sein Gepäck in seiner Unterkunft ab und spazieren dann an Hafen und Weser entlang.
Zoo von außen mit Eisbär-Suchbild
Als ich eine Pause brauche, setzen wir uns erst auf eine Bank und später in ein Café – draußen, denn es ist schönstes Frühlingswetter und etwa doppelt so warm, wie zuletzt auf Helgoland. Irgendwann verabschieden wir uns und ich nehme den Bus zurück zum Bahnhof, schnappe mir meinen Koffer und nehme den nächsten Zug nach Bremen. Hier ist der Aufzug am Gleis kaputt, aber eine nette Dame trägt mir den Koffer nach unten, als sie sieht, wie ich mich mit der Schiene und dem restlichen Gepäck abkämpfe. Dann geht es mit der Tram zum Zuhause der Liebstenschwester. Ihr Mann trägt mir den Koffer hoch und dann bin ich für heute angekommen.
Es gibt Burger und Pommes zum Abendbrot, das Nifftenkind zeigt mir sein neues, fertiges Kinderzimmer, wir erzählen viel und als das Kindelein gebettet ist, öffnen wir die mitgebrachte Flasche Helgoländer Gin aus Nordseewasser, trinken einen Gin Tonic und schauen ein paar Folgen Richard Osman‘s House of Games, das einen ähnlichen Stil hat wie Only Connect, aber mit mehr Abwechslung in den Kategorien. Möglicherweise hat mich die Liebstenschwester hier schon wieder mit etwas angefixt… Gegen 11 falle ich dann aber todmüde ins Bett.
Heute Aufwachen und Aufstehen ohne Hektik, ich habe ja nichts groß vor und die einzige Zeitplanke im Tag ist, dass es nur bis 10 Frühstück gibt. Etwa eine halbe Stunde vorher schaffe ich es nach unten, zu einem leicht reduzierten Büffet führt – Obst ist aus. Ich lebe damit und esse trotzdem gemütlich bis kurz nach 10, dann mache ich mich bereit für den Tag, zahle die Zeche (morgen sehr früher Aufbruch) und gehe ins schöne Draußen. Passenderweise fährt dann quasi direkt jetzt eine Fähre rüber zur Düne und dann nehme ich die doch gleich! Auf den paar Metern gibt es zwischen den beiden Häfen ordentlich Wellengang, ansonsten wieder ein bisschen Venedig-Feeling. Drüben dann ganz schnell viel Einsamkeit. Das ist auch auf der Hauptinsel so: Kaum biegt man um eine Ecke, ist man so gut wie alleine – sehr angenehm.
Ich laufe humpele etwas ziellos über die menschenleere Insel und gucke mir an, was mir über den Weg läuft. Eine Ferienbungalowsiedlung, ein saisonal verlassener Minigolfplatz, ein Flugplatz (Immer diese Angst, dass plötzlich Friedrich Merz landet…) und der Friedhof der Namenlosen, auf dem vor allem an die Toten gedacht wird, die das Meer sich geholt hat.
Es gibt aber auch eine Stele für ehemalige Teilnehmende an der legendären Rock’n’Roll Butterfahrt, von den Namen erkenne ich zumindest Wölli, was mich daran erinnert, dass eine meiner ersten „Begegnungen“ mit Helgoland (außer den Büchern von James Krüss) in 3 Akkorde für ein Halleluja war…
Als letztes laufe ich dann doch noch an den Strand – erst hatte ich Respekt vor dem Sand mit meiner Schiene, aber der ist zumindest am Rand doch erstaunlich fest, so dass ich doch noch den Seelöwen und Kegelrobben „Hallo“ sagen kann, für die die Düne bekannt ist. Die liegen da ganz entspannt rum und lassen sich von den Tourist*innen nicht stören.
Als ich genug geguckt habe, nehme ich die Fähre zurück und kehre in einem Buddenbohm-approveden Café ein. Es gibt Friesentee und Buch, später wird mir noch ein Latte Macchiato geschenkt (die Maschine macht zu Saisonbeginn noch Probleme und muss ausgiebig getestet werden) und ich gönne mir noch ein Stück Apfelkuchen mit Streusel. Danach laufe ich noch ein wenig durch das Unterland, kaufe ein paar Mitbringsel, stelle fest, dass auch der Minigolfplatz auf der Hauptinsel heute nicht besetzt ist und kehre schließlich ins Hotel zurück.
Hier halte ich erstmal einen ausführlichen Nachmittagsschlaf. Dann ist es Zeit für anderthalb Stunden politisches Webinar, zu dem ich die Reste Chips, Limo und Kekse als Abendbrot vertilge und dann noch ein paar Folgen Valeria. Und dann ist auch schon Schlafenszeit, denn morgen klingelt der Wecker unanständig früh!
Ich wache sehr früh auf, habe aber trotz Beinschiene und neuer Umgebung erstaunlich gut geschlafen – war wohl doch alles ganz schön viel gestern. Sobald es ans Aufstehen geht, wird die Schiene dann aber doch eine Herausforderung und verlangt einiges an Logistik und Koordinationsvermögen, vor allem, weil ich noch keine Schmerzmittel genommen habe, was ich sofort nachhole. Die Schuhe anziehen ist ein Akt, da das Leder vergleichsweise steif ist, die Treppe runter tut ordentlich weh. Aber dann bediene ich mich (langsam) am Frühstücksbüffet, bekomme ein Spiegelei gebraten und gucke aufs Wasser. Es wird.
Die Treppe hoch geht dann schon besser, ich muss also darauf achten, immer rechtzeitig die Tabletten einzuwerfen. Ich packe mir einen Rucksack für den Tag und gehe fast direkt wieder raus – erstmal zur Apotheke und somit das Wichtigste des Tages erledigen. Inzwischen laufe ich schon runder, ein Hoch auf die Pharmaindustrie. Mit dem Fahrstuhl geht es wieder hoch ins Oberland, die Apotheke ist offen, die Medikamente sind vorrätig, alles super. Und jetzt?
Ich beschließe, einfach auf Verdacht ein bisschen los zu laufen. Gefühlt alle 100 Meter steht eh eine Bank, auf der man sich ausruhen und aufs Meer gucken kann. Relativ schnell entdecke ich den Wegweiser zum „barrierearmen Rundwanderweg“ und damit ist mein Schicksal erstmal besiegelt.
Ein paar Stunden ist noch Sonne angesagt und gegen die Windböen hilft eine Windjacke. Langsam aber stetig arbeite ich mich den Klippenrundweg voran und begucke mir die See, die roten Felsen, die grüne Fauna und die vielen Vögel. Immer schön langsam und mit Pausen an vielen, aber nicht allen Bänken. Die Fotos sind nicht alle gerade, aber ich bin zu faul, das jetzt im Nachhinein zu korrigieren.
Und plötzlich bin ich schon fast um die Insel herum und stehe in einer Kleingartenkolonie, durch die der Weg wieder zurück in den Ort führt. Sogar Feigen wachsen hier!
Jetzt ist mir auch langsam nach längerem Sitzen. Ich kehre zum Hotel zurück und setze mich mit Buch und Kakao auf die Terrasse, bis die Sonne weg ist und es zu kühl wird.
Dann wechsle ich nach drinnen in den Frühstücksraum, trinke Tee, esse Jaffa Cakes und schaue mir weite Teile der Eröffnung des neuen Bundestags auf dem Handy an – Eröffnung der Sitzung, erster Antrag der AfD zur Tagesordnung, Rede von Gysi (hatte mir mehr erwartet), Wahl von Klöckner, Rede von Klöckner (in weiten Teilen weniger schlimm als erwartet). Dann zieht es mich nochmal nach draußen, die Schuhsituation braucht Optimierung. Im Schuhgeschäft lasse ich mich kompetent beraten und dann finden wir ein Paar einfache Sneaker, in die die Schiene besser reinpasst, als in meine ledernen und mit denen ich die nächsten Wochen hoffentlich gut überstehen werde. Trotz entfallender Mehrwertsteuer auf der Insel ein recht teurer Spaß, aber was will man machen, ich lasse sie gleich an.
Dann klettere ich wieder die Treppen hoch in mein Zimmer, warte den stärker werdenden Regen ab und lese ein wenig, bis der Abendbrothunger sich deutlich meldet. Gut verpackt mit Regenjacke geht es dann nochmal hoch ins Oberland, ins gleiche Restaurant wie gestern, auf den gleichen Platz an der Theke wie gestern. Die Bedienung ist auch die gleiche und erkennt mich natürlich wieder. Heute esse ich dann endlich den seit Tagen anberaumten Labskaus.
Schon witzig, wie dieses Gericht Kreise zieht. In Liverpool habe ich auch schon Scouse gegessen, dort heißt eine ganze Stadtbevölkerung samt Dialekt so. Fast die gleichen Komponenten, aber sehr andere Zubereitung:
Die Konsistenz der Liverpooler Variante sagt mir mehr zu, der norddeutsche Labskaus hat eher die von Babybrei. Selbst gemacht (und damit gestampft statt püriert) ist das aber auch sehr lecker, davon habe ich auch noch irgendwo ein Foto, das ich aber so schnell nicht finden werde.
Zum Nachtisch gibt es mit Zabaglione gratinierte Himbeeren in einer riesigen Portion, die überraschend lecker sind. Zabaglione gratinieren bringt eine ganz erstaunlich teigige Konsistenz, unbedingt nachahmenswert.
Nach dem Essen geht es langsam aber auf dem schnellsten Weg zurück ins Hotel, das Schrittziel ist trotz Humpelei wieder deutlich überschritten. Den Rest des Abends über schicken der Liebste und ich uns Pete-Hegseth-Memes hin und her und dann heißt es wieder sehr früh Schlafenszeit.