Beim Aufwachen (nach unruhiger Nacht und lange vor dem Wecker) steckt mir die Woche in den Knochen, das waren jetzt vier Tage voller Programm. Und vor mir liegen dann nochmal doppelt so viele. Heute aber gibt es fast keine Termine, also bleibe ich erstmal ganz ohne schlechtes Gewissen liegen, zumindest bis gegen 9 das letzte Geschenk fürs Teilzeitkind geliefert wird. Und danach dann wieder. Erst gegen 11 schäle ich mich aus dem Bett (nach Internet leer lesen, bloggen, mit dem Liebsten telefonieren, Französisch, Italienisch, Rätseln) und mache mir ein mediterranes Frühstück, das mangels Sonne bei 13 Grad dann doch drinnen verzehrt wird.
Croissants mit Feigenmarmelade, Erik-Pflaumen, letzte Crowdfarming-Orange, Tee mit Rosenblättern
Ich bin kaum mit dem Essen fertig, als die ehemalige Kollegin anruft, mit der ich für ein Mittagstelefonat verabredet bin. Wir müssen erstmal rekonstruieren, wann wir uns zuletzt gesehen haben – live auf jeden Fall vor der Pandemie, denn sie hat dann während wir alle im Homeoffice saßen den Job gewechselt. Es gibt also viel zu erzählen und neben dem Privaten auch viele hilfreiche Infos für meine Recherchen. Hinterher kümmere ich mich um „das bisschen Haushalt“ und höre nebenbei Podcasts. Dann nochmal ordentlich auf dem Sofa versumpfen und am Nachmittag muss ich mir dann ein bisschen in den Hintern treten, mich ausgehfein machen, die Geschenke für das Teilzeitkind verpacken, meine Sachen zusammensuchen und dann nach Südberlin fahren.
Dort angekommen werfe ich alles ab, versorge meine rechte Ferse mit einem Blasenpflaster (Docs mit dünnen Socken…) und lasse mir dabei vom aufgeregten Teilzeitkind, das gerade aus Gummibärchen und Speisestärke nach einem Rezept aus dem Internet „Bubble-Tea-Perlen“ herstellt, die spannendsten Erlebnisse des Schultags erzählen. Keines davon hat mit Unterrichtsinhalten zu tun, alle hingegen mit sozialen Beziehungen – zu Freund*innen, zwischen Mitschüler*innen und Lehrer*innen… Fühle ich sehr. Für halb 6 hat das Teilzeitkind uns einen Tisch beim Stammitaliener reserviert und da gehen wir dann zu dritt auch direkt hin.
Campari Negroni, Focaccia mit Gemüse-Knoblauch-PasteBruschetta und CarpaccioRinderfilet mit Grüner-Pfeffer-Sauce, dazu Montepulciano d‘AbruzzoLimoncello, das Teilzeitkind bekommt statt Gratis-Digestif Gratis-Panna-cotta
Die Gespräche drehen sich größtenteils um das anstehende Geburtstagswochenende und die verschiedenen Partypläne, die zu erwartenden Kinder, wer wann kommt und geht, wann wir dabei sein dürfen und wann nicht… Gut anderthalb Stunden später liegen wir zuhause auf der Couch und schauen zu dritt nochmal die erste Folge Étoile, diesmal auf Deutsch (mit Untertiteln für chinesische und französische Dialoge). Das Teilzeitkind findet die Serie auch gut, wird aber dann mitten in Folge 2 müde, so dass wir den Rest auf morgen verschieben und gegen halb 12 alle im Bett liegen.
Dieser Tag hat drei Highlights, wobei sich eins davon schon gestern Abend ankündigte, von mir aber nicht als solches wahrgenommen wurde. Als ich nämlich gestern nach Hause kam stand in meiner Küche ein Strauß Blumen, flankiert von einem Chianti Riserva und einer Schachtel Pralinen „Happy Birthday“. Ich dachte mir nichts dabei, sondern vermutete, dass die Mitbewohnerin wohl noch zu einem Geburtstag wollte. Allerdings war sie auch arbeiten und würde erst nach 1 Uhr nachts nach Hause kommen und die Blumen waren auch nicht verpackt… Irgendwann beschlich mich so ein Gefühl und ich überprüfte kurz das Datum: Es war der 21. Sie wird doch nicht denken, dass ich Geburtstag habe und sich im Monat vertan haben?
Fast Forward zu heute, hatte sie wirklich! Als sie nachmittags aufsteht bevor sie wieder zur Arbeit aufbricht, klären wir, dass es wirklich ein Missverständnis gab und ich bedanke mich überschwänglich für die liebe Geste. Da sie nächsten Monat zu meinem Geburtstag nicht da ist, passt das alles ganz ausgezeichnet und den Wein trinken wir nach Möglichkeit demnächst zusammen, wenn falls wir mal beide gleichzeitig abends zuhause sind!
Das also der Nachmittag. Der Vormittag ist aber auch schon sehr spannend, denn da geht es unerwartet hoch hinaus. Mein Berufsverband hat zu einem Redaktionsbesuch bei der Kulturredaktion der Deutschen Welle geladen und ich habe die Einladung gerne angenommen. Nach ausführlicher Morgenroutine verlasse ich das Haus kurz nach 9 und zum ersten Mal mit normaldünnen Socken in den neuen Docs, fahre mit der S-Bahn nach Gesundbrunnen, laufe durch den Humboldthain und treffe vor dem Haupteingang meine Bezugsgruppe.
Wir nehmen in einem Konferenzraum mit toller Aussicht Platz, stellen uns alle kurz vor und dann gibt es eine spannende Einführung in die Deutsche Welle im Allgemeinen und die Arbeit der Kulturredaktion im Besonderen. Ich lerne viel, z. B. dass die Deutsche Welle Teil der ARD und also öffentlich-rechtlich ist, aber nicht von den Rundfunkbeiträgen bezahlt wird, sondern aus Steuermitteln. Diese werden vom Bundestag bewilligt. Der Output der Deutschen Welle „untersteht“ quasi dem Kulturministerium, die dazugehörige Akademie dem Entwicklungshilfeministerium – wie auch immer die jeweiligen Ministerien dann immer gerade heißen. Der Auftrag der Deutschen Welle lautet, gerade in Ländern, deren Zugang zu freier Presse eingeschränkt ist, „freie Informationen für freie Entscheidungen“ zu liefern – die Basis für demokratische Gesellschaften.
Daran arbeiten weltweit etwa 4000 Menschen aus 140 Nationen mit und die Inhalte werden über 3000 Distributionspartner ausgespielt. Zusätzlich gibt es drei Sender, die rund um die Uhr lineares Fernsehen senden – einer auf Englisch, einer auf Arabisch und einer auf Spanisch. Die Hauptzielgruppe ist zwischen 14 und 40. Dann werden uns schöne Beispiele gezeigt, etwa aus dem YouTube Kanal DW History and Culture, der historischen Kontext zu aktuellen Debatten liefert, von DW EuroMaxx, das sich vor allem an Amerikaner*innen richtet und über das Leben in Europa berichtet oder von DW AfriMaxx, auf dem Afrikaner*innen für Afrikaner*innen gemacht wird. In Planung sind auch ähnliche Angebote für Südostasien und ein Podcast für Inderinnen, der sich mit Liebe, Sex und Partnerschaft beschäftigt. Und dann gibt es auch noch so schöne Sachen wie DW Food, von dem ich schon einiges gesehen habe. Und natürlich sind sie auch auf TikTok unterwegs, da abonniere ich auch schon einige Accounts.
Nach dem Präsentationsteil bekommen wir eine Führung durch das Nachrichtenstudio, die Nachrichtenredaktion und das Social-Media-Studio, bevor es zum Abschluss nochmal aufs Dach geht.
Der Teleprompter wird per Pedal bedient, wusste ich auch nicht
Nach dem Besuch geht ein Teil von uns noch in einer nahen Lunch Location Mittag essen. Bei einer „Pho Bowl“ (über die wir großzügig den Mantel des Schweigens breiten) und hausgemachter Granatapfellimonade tauschen wir uns über unsere Eindrücke aus. Am Ende teile ich mir einen großen Teil des Heimwegs noch mit zwei Teilnehmerinnen und wir vernetzen uns für weiteren Austausch in der Zukunft.
Zum Schluss kaufe ich noch ein paar Kleinigkeiten ein und dann geht es erstmal nach Hause auf die Couch. Nachbereitung und Vernetzungen, Beantworten aufgelaufener Nachrichten und E-Mails, Verpusten. Bald darauf gibt es eine Patchwork-Familien-Videokonferenz zur Feinplanung des anstehenden Teilzeitkindgeburtstags unter erschwerten Bedingungen – eine Übernachtungsparty im Haus der Teilzeitkindmama, bei der allerdings theoretisch auch jederzeit die Wehen einsetzen könnten. Daher werden der Liebste und ich diesmal auch übernachten (letztes Jahr haben wir uns abends verabschiedet und der Liebste ist erst am nächsten Morgen wieder hingefahren) und im Fall der Fälle die Verantwortung für die Party Crowd und die beiden kleinen Geschwister übernehmen. Dazu noch Planungen für Essen, Spiele und Unterhaltungsprogramm. Und dann hoffen wir einfach alle, dass sich das Teilzeitkind auch zukünftig keinen Geburtstag teilen muss und in jedem Fall dieses Jahr eine tolle Party hat.
Wenig später muss ich dann auch schon wieder los nach Friedrichshain, wo ich mit dem Brüderchen und einer der Berlin-Cousinen zum Essen verabredet bin. Es ist die Einlösung eines Geburtstagsgeschenks an die Cousine und wird nicht nur ein sehr schöner und unterhaltsamer Abend, sondern auch kulinarisch wertvoll mit Sarti Spritz, frittierten Zucchiniblüten, frittierten Sardellen, neapolitanischen Pizzen, Peroni, Cannolo und Limoncello.
Am Ende liege ich satt, angeheitert und unheimlich müde gegen halb 12 im Bett – nach über 13.000 Schritten und mit gar nicht mal ganz so schlimmen Blasen an den Füßen.
Der Tag beginnt wie die letzten und wieder vor dem Weckerklingeln auch. Zur ersten Konferenz-Session auf dem Balkon gibt es Müsli und Tee, zur zweiten muss ich nach drinnen wechseln, weil der Laptop-Akku sich dem Ende nähert und die Steckdose dort ist, wo ich dann in der prallen Sonne sitzen müsste. Also zurück an den Schreibtisch für die letzten Sessions. Nach fünf davon ist heute für mich Schluss, Konferenz vorbei. Was für ein Ritt. Aber so kann ich schon mal trainieren für den ganzen Input auf der re:publica nächste Woche.
Am späten Nachmittag bin ich mit der Charlottenburger Freundin und ihren Kindern (2 und 4) auf einem Spielplatz verabredet. Auf dem Weg dahin kommt es allerdings zu Verzögerungen – die Ringbahn ist wegen eines Feuerwehreinsatzes aufgrund eines Böschungsbrands gesperrt und es ist unklar, ob und wann es weitergeht. Nach einigen Minuten bekommt der Fahrer aber die Anweisung, in entgegengesetzter Richtung zu fahren und da das immer noch der unkomplizierteste Weg ist, fahre ich also einmal andersherum um fast die ganze Stadt und bin dann eine Dreiviertelstunde später als geplant auf dem Spielplatz.
Als ich ankomme, bekomme ich erstmal die Tasche meiner Freundin in die Hand gedrückt, bevor sie sich in die luftigen Höhen der Kletterspinne aufschwingt, um das große Kind beim Abstieg zu begleiten, den es alleine nicht schafft. Das kleine Kind sitzt auf einem Schaukelhuhn, will dann jetzt aber auch nach oben und wird von Mama angeleitet, während das große Kind mir stolz erzählt, dass es heute gewachsen ist. Dann spielen kurz beide Kinder im Sand und servieren uns Eise, während wir die ersten Worte wechseln können. Das führt allerdings dazu, dass das echte Eis stetig lockt und das kleine Kind sich irgendwann alleine wegschleicht und den Spielplatz Richtung Eisladen verlässt. Die Freundin wetzt hinterher und fängt es vor der Straße ein. Dann sammeln wir das Spielzeug und den Buggy ein, setzen den Kindern ihre Helme auf und sie auf Fahrrad bzw. Laufrad. Eis gibt’s!
Cheesecake und Limette-Minze für mich
Ich nehme zwei Kugeln, die Freundin nur eine, die Kinder jeweils auch, aber mit Streuseln. Ich fühle mich kurz schlecht, weil die Freundin nur eine hat, sehe aber schnell wie sie neben der eigenen Kugel ständig parallel links und rechts mitlecken muss, damit nicht zu viel auf den Boden tropft. Und zwischendurch Emotionen moderieren, als das Eis zu weit runtergeleckt ist. Dann wieder Helme auf und weiter nach Hause, wo im Hof und mit den Nachbarskindern noch diverse Runden gefahren werden.
Hier schaffen wir nochmal ein paar Sätze, allerdings muss auch dem großen Kind erklärt werden, dass es nicht die Treppe runterfahren soll und der kleinen Kind, dass der Wasserschlauch vom Nachbarhaus nicht zur freien Verfügung steht. Das große Kind fährt dann trotzdem ein paar Stufen, denn das noch größere Nachbarskind macht es ja entgegen der Anweisung seiner Mutter auch. Geht aber alles gut. Die Kinder am Ende wieder zusammen zu bringen, die Räder und den Buggy anzuschließen und die vier Stockwerke hoch zu laufen dauert dann gefühlt auch nochmal eine halbe Stunde und viel Zureden, denn ab jedem Fenster kann man rausgucken und den Hund beobachten, der unten einen Ball apportiert.
Irgendwann sind wir aber oben und drinnen. Ich bin platt, aber die Freundin entsandet noch die Kinder. Dabei bekommt sie Hilfe von ihrem Freund und ich übernehme solange das Pfannenrühren.
Dann kollabiere ich müde auf der Couch, während das große Kind ganz aufgedreht aus der Küche kommt und „Weißt Du, es gibt Nuuuudeln“ ruft und sich freut. Dann spielt es mit Autos auf dem Spielteppich und das kleine Kind kommt rein und skandiert „Es gibt Nuuuuuudeeeeeeln“ und springt auf und ab. Es folgt eine Runde Toben auf dem Sofa, bis der Papa eine Runde nackte Nudeln zum Naschen bringt und wir uns an den Tisch setzen. Ich werde ausgefragt („Welche Farbe hat Dein Klo?“ „Wie heißt Deine Mama?“) und mit Nudeln gefüttert. Dann kommen die Eltern und der Rest der Nudeln, mit Pilzen, Schinken und Sahnesauce und Parmesan. Lecker! Besonders das große Kind ist weiter sehr aufgedreht und will genau das essen, was ich esse und wenn ich es esse. Das kleine Kind klettert mir auf den Schoß als es fertig ist, das große Kind klettert auf Papas Schoß, der neben mir sitzt… „Wir haben nicht oft Besuch zum Abendessen“ sagt die Mama. Fällt gar nicht auf.
Nach dem Essen wird gekuschelt und vorgelesen, also zwei Kinder hocken auf mir, während ich mich durch Wimmelbücher, Liederbücher und ein Buch über Busfahrer arbeite. Ich werde schon ganz müde, die Kinder lassen sich erst nach und nach etwas anmerken und werden dann in Schichten bettfertig gemacht. Das große Kind verabschiedet sich als erstes und wird von Mama ins Bett gebracht. Das kleine Kind macht noch Mittagsschlaf in der Kita und braucht noch einen Moment mit Papa auf der Couch. Um 20 Uhr ist dann Schichtwechsel bei den Eltern (das große Kind ist auch noch wach), ich verabschiede mich auch vom kleinen Kind und mache mich auf den Heimweg, sonst wird das nix mit der Nachtruhe.
Gegen 21 Uhr sitze ich auf meiner Couch, esse Wassermelone, telefoniere mit dem Liebsten und dem Brüderchen, schicke mir mit der Freundin Bilder hin und her und schon halb 11 liege ich selbst völlig kaputt in der Falle. Ein schöner Tag!
Um 7 reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf, so ein richtiges Montagmorgengefühl. Dabei klingelt er nur so früh, damit ich trotz allem in Ruhe den Tag beginnen kann. Internet wird leer gelesen, ich blogge, mache Französisch und muss dann die Morgenroutine erstmal unterbrechen, weil es sonst doch zu spät wird. Schnell tagfein machen, die Katzen füttern, mir Kaffee und Müsli machen und nebenbei gehetzt mit dem Liebsten telefonieren und dann bin ich ab 9 am Schreibtisch. Ich nehme die nächsten drei Tage an einer Online-Konferenz teil und habe ein straffes Programm.
Zwischen den einzelnen Sessions sind immer nur 15-Minuten-Pausen eingeplant. Die nutze ich für biologisch Notwendiges und typische Homeoffice-Erledigungen: Pflanzen gießen, Katzenklo, Wassernäpfe auffüllen, Abwasch… In einer Pause telefoniere ich mit dem Brüderchen für Geburtstagsplanungen. Die dritte Session nehme ich auf Kopfhörern mit in die Küche, während ich mir einen schnellen Salat zusammenschütte, den ich dann aber wieder am Schreibtisch verzehre.
Nach sechs Sessions raucht mir der Kopf, es ist inzwischen 17 Uhr. Kurz ein bisschen durchatmen, Italienisch nachholen, und dann heißt es auch schon ausgehfein machen – statt der Abendsession habe ich nämlich noch einen Abendtermin in Schöneberg. Da die BVG bessere Verbindungen kann als Google Maps glaubt, bin ich schon eine Stunde vor Beginn da und nutze die Gelegenheit für einen lange vermissten Besuch im kalifornischen Burrito-Laden.
Quesadilla mit Cilantro-Lime-Chicken, Guacamole, Tomatensalsa und Agua de Jamaica mit Hibiskus und Zimt
Dann startet um 19 Uhr die Veranstaltung mit einem Kennenlernspiel, dann Vortrag, noch ein Spiel zur Auflockerung, noch mehr Vortrag und am Ende viel Austausch, Netzwerken und Pläne schmieden. Ich treffe einige Frauen wieder, einige zum ersten Mal und einige zum ersten Mal live, die ich bisher nur digital kenne. Nebenbei gibt es nicht nur guten und inspirierenden Austausch, sondern auch verdiente Seitenhiebe auf unsere neue Regierung und deren Ansichten zur Arbeitswelt. Ein guter Abend! Gegen halb 10 geht es dann langsam wieder zurück nach Hause und gegen 11 liege ich todmüde im Bett und schlafe schnell ein. Morgen dann weiter, der Wecker ist gestellt.
Am Morgen schlafen die Katzen tief und fest, haben mir aber inzwischen ein Stück Bewegungsfreiheit zurückgegeben. Der Liebste ist wach, aber beschäftigt sich leise und so kann ich mich noch gemütlich einkuscheln und dösen, bevor ich die Augen endgültig öffne und der Welt gestehe, wach zu sein. Denn dann heißt es sofort Kaffee kochen und Katzen füttern, dafür brauche ich die nötige Grundmotivation. Nachdem der Schritt geschafft ist, liegen wir lange gemütlich im Bett, lesen und zeigen uns, was in der Welt vor sich geht, ich blogge und mache Französisch. Dann aber nimmt der Hunger überhand und gegen 11 stehen wir auf und machen Frühstück.
Dazu gibt es unter anderem Rührei mit Nordseekrabben, man gönnt sich ja sonst nichts (außer meistens). Zum Essen zeige ich dem Liebsten die erste Folge Étoile und bin beim zweiten Mal gleich viel entzückter. Er findet es auch auch super, also wird das auf jeden Fall fortgesetzt, entweder zu zweit oder sogar zu dritt auf Deutsch, wir sehen durchaus Anknüpfungspunkte für das Teilzeitkind, das aber mit Palladino-Englisch plus Untertitel für die französischen Teile überfordert wäre.
Jetzt aber gehen wir aber erstmal den Müll runterbringen und eine Runde um den Block, bevor der Liebste zurück nach Südberlin fährt und ich es mir mit den Katzen auf der Couch gemütlich und Italienisch mache. Danach fange ich das nächste Buch an und werde direkt am Anfang von geografischen Ungenauigkeiten irritiert. Danach wird es aber spannend. Allerdings auch nicht so spannend, als das ich über ein ausführliches Sonntagnachmittagsschläfchen erhaben wäre. Als ich daraus endgültig wieder erwache, ist mein Leseeifer fürs erste erloschen und ich empfinde es als spät genug, um die letzte Staffel Pørni anzufangen, die seit ein paar Tagen verfügbar ist. Und direkt auch zu beenden, denn es sind nur sechs Folgen à circa 30 Minuten. Ohne zu spoilern lohnt sich auch diese letzte Staffel wieder sehr und am Ende ist alles rund. Zwischendurch gibt es noch ein Girl Dinner und gegen halb 11 wechsle ich vom Sofa ins Bett.
Ich fühle mich ein bisschen wie damals, jung und Partyleben entdeckend. Ich glaube mein Bruder hat es damals vorgelebt, bevor er an den Wochenenden mit seinen Freunden zu Punkkonzerten oder den entsprechenden Dorfdiskos loszog – und meine Mutter hat immer den Mythos debunked, dass man vorschlafen könnte, man könne lediglich bereits erworbene Schlafdefizite ausgleichen. Vermutlich stimmt beides nicht, aber ich mache heute auf jeden Fall letzteres, denn die Katzen machen schon wieder ab 7 Radau.
Ich döse noch ein Stündchen vor mich hin, treffe dann radikale Entscheidungen und werfe den Großteil der Spiele von meinem Handy – die ziehen zu viel Energie, sowohl von mir als auch von der Batterie. Übrig bleiben die Rätsel und ein paar entspannende, bei denen man weder viel denken muss noch suchten kann. Und natürlich die Spiele vom Teilzeitkind, aber an anderer Stelle, so dass ich sie nicht ständig vor der Nase habe und in Versuchung gerate. Dann ganz normaler Morgen mit Internet leer lesen, Bloggen, Französisch, Italienisch… Und zum Frühstück machen geht es wieder zurück ins solidarische Bruce-Springsteen-Hören.
Es gibt Porridge mit Rosinen, Rosenwasser, Zimt, Mandelmus und Pistazien, dazu Crowdfarming-Orange und Iced Matcha Latte mit Waldmeistersirup (muss man ja auch mal probieren, is aber nicht so geil). Ich esse auf dem Balkon, in eine Decke eingewickelt, und werde wieder müde. Also zurück ins Bett, mit dem Buch, das ich heute endlich auslesen will. Bruce Springsteen singt leise, die Enten im Buch brüten leise, die Wellen im Buch rauschen sanft und Zack bin ich wieder eingeschlafen. Irgendwann später wache ich wieder auf und lese das Buch wirklich zu Ende. Dann muss ich mich auch schon fast sputen.
Ich stehe auf, mache mich ausgehfein, stelle das Buch an die richtige Stelle im Regal, packe meine Ausgeh-Shoulderbag, schnappe mir eine Mate zum Wachwerden für den Weg und gehe los ins Draußen. Mit den neuen Stiefeln geht es wirklich ziemlich gut, nur ab und zu tut mal was weh. Mit Tram und Partytram geht es in den Partykiez, umringt von kleinen Grüppchen aufgedrehter junger Leute. Das Ziel ist aber erstmal der Hot-Pot-Laden, wo ich den Liebsten auf eine gepflegte Malatang-Suppe treffe.
Meine fülle ich mit allerlei leckerem Zeug, das man nicht so oft bekommt – Grünschalmuscheln, Morcheln, Algen, Lotuswurzel, Enoki- und Shiitake-Pilze… Ein bisschen Bohnen und Zucchini für die Vitamine und Reisnudeln zum Sattwerden. Dazu gibt es Almdudler. Als wir satt sind, laufen wir ein paar Blocks weiter zu der Kneipe, die der Mann der besten Freundin für die Party zu seinem 40. gemietet hat. Es füllt sich erst langsam, so dass wir in Ruhe mit ihm und der besten Freundin quatschen können. Die Kinder sind auch noch am Start (sie werden kurz vor Mitternacht von den Großeltern nach Hause gebracht). Ich verbringe den Großteil des Abends im Sitzen, trinke zwei kleine Bier, tanze sitzend zur Musik und habe viel Spaß mit dem Liebsten und der besten Freundin. Die Musik ist natürlich großartig, wenn Menschen in meinem Alter und soziokulturellen Kontext runde Geburtstage feiern, dann läuft die Musik aus der Zeit als wir jung waren – von den Spice Girls bis zu We Are Scientists, von Franz Ferdinand bis The Offspring.
Wer aufmerksam mitliest, Mate, Almdudler, Bier… kann sich denken was als Nächstes kommt: Die Kohlensäure kickt, aber so richtig. Histaminalarm, Sodbrennen, Übelkeit und Müdigkeitsattacke… Gegen 1 verabschieden wir uns, nicht ohne noch ein halbes Lied mitgetanzt zu haben („This Fire Is Out Of Control / We‘re Gonna Burn This City!“ oder wie der Liebste sagt: ein Gewerkschaftssong) und fahren mit der S-Bahn nach Hause. Wir kommen wenige Minuten nach der Mitbewohnerin an, begrüßen und füttern noch die Katzen und fallen erschöpft ins Bett. Ich verbringe die Nacht eingeklemmt zwischen dem Liebsten rechts und den Katzen links von mir, alle sehr auf körperliche Nähe bedacht, und finde erst spät in tiefen und erholsamen Schlaf.
Erste Nacht mit verdunkelter Balkontür. Hält Nimbin nicht davon ab, ziemlich genau um 3:33 ziemlich laut zu maunzen und Aufmerksamkeit zu verlangen, aber das richtige Aufwachen dann zögert sich sowohl bei mir als auch bei den Katzen etwas heraus. Vor allem sind sie nicht gleich so aktiv und finden es OK, dass ich erstmal noch weitgehend Bewegungsfrei herumliege und ins Telefon gucke. Als ich dann richtig wach und munter bin, schlafen beide Katzen wieder tief und fest – natürlich.
Es ist immer noch etwas kühl draußen, also geht es mit dem Frühstück (Ostfriesentee mit Mascarpone-Sprühsahne, Bagel mit Pistazienmus, Bagel mit Mandelmus und Feigenkonfitüre, erste Aprikosen) erst nochmal zurück ins Bett, statt auf den Balkon. Dann aber stehe ich auf und mache mich tagfein. Wenig später sitze ich am Schreibtisch und habe ein wirklich interessantes Webinar, bei dem ich mich schon auf die Zusendung der Präsentation freue, weil ich aus den Daten noch einiges rausziehen kann. Danach dann der nachgeholte ausgefallene Termin von neulich. Auch wieder nicht ohne technische Probleme (wegen schlechter Internetverbindung auf der Gegenseite wechseln wir aufs Telefon), aber dafür sehr angenehm und inhaltlich ergiebig.
Direkt danach telefoniere ich mit dem Liebsten, dann ruft die Freundin an, mit der ich heute verabredet bin und wir besprechen Details der Planung. Es folgt Stulle zum Mittagessen, kurzes Ausruhen und dann eine längere Putzrunde zu Podcasts. Als ich wieder sitze sehe ich die Reaktion des US-Präsidenten auf die Worte von Bruce Springsteen beim Tourauftakt in Manchester und es läuft mir eiskalt den Rücken runter. Ja, es hat wie immer auch Unterhaltungswert, wie kindisch die Reaktion auf Kritik ist, aber dahinter steckt eine offene Drohung und ein Aufruf zu Lynchjustiz, der sicherlich nicht auf taube Ohren fällt – also wenn Bruce Springsteen überhaupt zurückfliegt und wieder reingelassen und nicht direkt weggesperrt wird. Starke Biermann-Vibes.
Mein Internet ist voller Solidaritätsbekundungen, die ganze Welt hört dieses Wochenende Bruce-Springsteen-Songs (und Taylor Swift, die nur beleidigt, aber immerhin nicht offen bedroht wurde) und mein dritter Konzertbesuch bei ihm in ein paar Wochen ist jetzt also ein politisches Statement. Bin unangenehm gespannt, wie die Geschichte weitergeht und hoffe ein bisschen, dass Bruce in Europa bleibt.
Dann kommt die Freundin an und wir kochen ein Abendbrot, das mit ihren aktuellen Nahrungseinschränkungen konform geht. Dafür hat sie extra Pasta aus Erbsen mitgebracht – für uns beide eine Premiere, aber wirklich lecker und erbsig, auch wenn die Konsistenz nicht wie bei „richtiger“ Pasta ist – ein bisschen wie bei Vollkornnudeln vielleicht, eher mit noch weniger Halt. Dazu gibt es eine „Sauce“ aus Zwiebeln, Crowdfarming-Porree, Salz, Pfeffer und Parmesan und obendrauf nochmal ordentlich gutes Olivenöl. (Ich habe zwei da, ein ziemlich gutes zum Braten und ein noch besseres für kalte Speisen und zum Genuss)
Nachdem es am Nachmittag ein Gewitter mit Hagel und erstmals seit langem ernstzunehmendem Regen gab, ist es jetzt erstaunlich angenehm draußen. Wir mummeln uns warm ein, essen draußen und erzählen viel. Zum Nachtisch gibt es Erdbeeren mit einem Spritzer frischer Crowdfarming-Zitrone, der die Süße so richtig herauskitzelt. Dazu trinken wir übrigens Ingwer-Zitronen-Tee, auch alles frisch gemacht.
Gegen halb 10 wird es immer dunkler und frischer draußen und wir wechseln auf die Couch. Die Katzen gesellen sich dazu und so wird es nochmal richtig gemütlich. Irgendwann werden wir ganz schön müde. Die Freundin verabschiedet sich und ich beschließe den Abend mit sehr viel Bruce Springsteen auf den Ohren in der Badewanne.
Die Katzen wieder früh wach ob des Lichts, ein Vorsatz zur Verdunkelung der Balkontür im Schlafzimmer wird gefasst und – Spoiler – im Laufe des Tages durchgeführt. Ich absolviere die morgendlichen Tätigkeiten bis einschließlich Bloggen im Bett und bereite dann erstmal Frühstück zu. Es gibt Müsli (Mango-Maracuja) mit einem Rest Joghurt und frischen Erdbeeren, dazu Weißen Tee mit Himbeeraroma und zusätzlichen TK-Himbeeren – in einer großen Kanne mein Getränk für den Tag. Erst setze ich mich mit dem Frühstück auf den Balkon, aber mit Wolken und Wind ist es dort heute tatsächlich zu kalt.
Ich schubse Noosa von meinem Schoß und wechsle nach drinnen auf die Couch, wo sie sofort den Weg zurückfindet. Nach dem Frühstück dann Französisch, Italienisch, Rätsel, dann mache ich mich tagfein und gehe an den Schreibtisch.
Als es mir dort reicht – Zahlen schubsen, Daten zusammensuchen und so – widme ich mich ein wenig dem Haushalt und dann meinen neuen Schuhen. Morgens habe ich sie zum weiteren Einlaufen direkt über die nächtlichen Schafwollsocken gezogen, später bin ich in etwas dickere normale Socken gewechselt. Jetzt probiere ich eine andere Schnürung aus, von Kreuz auf Gerade. Praktisch zum rein- und rauskommen, aber als ich dann damit herumlaufe, sitzen mir die Schuhe etwas zu locker. Aber erstmal drehe ich damit eine Runde draußen – Papier- und Restmüll weg, Altglas weg, Hose aus der Reparatur holen, Pfand weg, ein paar Einkäufe. Ich laufe fast schmerzfrei und ziemlich rund, aber so sind die Schuhe wirklich zu locker. Zuhause wechsle ich nochmal von gerader auf Leiterschnürung und jetzt sitzen sie perfekt.
Ich verräume die Einkäufe, schneide das frische Brot in Scheiben, friere diese ein und mache mir aus den Kanten und dem letzten Stück eingefrorenen Brot ein Mittagessen. Grillschnitte mit veganem Lachsschinken, Apfel und Gouda, Stulle mit veganem Lachsschinken, Stulle mit Kaviarcreme.
Dann werde ich müde und fröstelig und mache die Balkontüren für heut endgültig zu. Ich kuschele mich unter die Decke aufs Sofa, lasse mich von zusätzlichen Katzenkissen wärmen und beschließe, den Rest des Tages angemessen faul zu verbringen.
Ich habe noch zwei Folgen Sing meinen Song nachzugucken – Fanta 4 und MiA. – und hänge dabei meinen Erinnerungen an diese Lieder nach. Kein Wunder, dass Stadion-Paddy sich „MfG“ ausgesucht hat, vor meinem inneren Auge tauchen Bilder auf, wie er das um die Jahrtausendwende herum als Einsprengsel bei „Alle Kinder brauchen Freunde“ oder „One more freakin‘ Dollar“ performt hat? Kann das sein? Ich sehe ihn noch langhaarig und mit Wollmütze mit so langen Ohrbamseln dran auf und ab hüpfen, war das Staffelstein, Ischgl, Erfurt? Ansonsten natürlich viel Nostalgie bei den Fanta-Songs, die sind alle 1a im kulturellen Gedächtnis drin. Schön auch, wie sie darüber reden, dass viele der Abkürzungen in „MfG“ heute nicht mehr relevant sind, etwa „FDP“. Hihi.
Bei den MiA.-Songs habe ich auch ein paar Flashbacks in die eigene Vergangenheit. Erst zu der Kontroverse mit den Deutschland-Fahnen, da habe ich noch zuhause gewohnt, glaube ich. Kann das sein? Ich sehe SPON-Artikel vor meinem inneren Auge und den PC in meinem Kinderzimmer. Könnte hinkommen. (Edit: Müssen Semesterferiek gewesen sein, das war später.) Mein Lieblingslied von Mia. ist „Alles neu“, das hat sich leider niemand ausgesucht, lief aber damals immer auf den Parties im ST. Da lieg dann auch „Hungriges Herz“, aber das fanden wir alle ein bisschen peinlich und schlageresk und ich erinnere mich an Verballhornungen des Textes später bei den Indiesnobs – auf dem Immergut? Auf dem Populario? „Mein hungriges Pferd durchfährt ein bittersüßes Schwert“ und so… Zu „Tanz der Moleküle“ habe ich frisch verliebt und voller Rachegedanken (Revenge Knutsching) bei meinem ersten öffentlichen Auftritt mit dem Indiejungen im M.A.U. getanzt, das hab ich noch mit allen Sinnen vor Augen. Wilde Zeiten waren das 2006. Ach, Musik…
Zwischendrin mache ich mir noch Abendbrot – es gibt Gnocchi (fertige, nicht mal aus dem Kühlregal, aber aus ursprünglich rohen Kartoffeln) in Butter und Balkon-Salbei, verfeinert mit Knoblauch, Peperoncini, Pfeffer und Parmesan.
Und dann ist da noch das zweite Halbfinale vom ESC, wieder viel schönes dabei und ein unterhaltsamer Abend. Da passe ich aber weniger auf, von daher kann ich weniger spannendes dazu beitragen. Ich werde am Samstag interessiert zur Kenntnis nehmen, wer gewonnen hat, und dann ist das Thema auch wieder durch für dieses Jahr. (Trotzdem schön, wie hier so viele Länder friedlich und freundlich miteinander konkurrieren und Spaß haben und es selbst aus einigen der schlimmsten Regime queere oder queer-offene Formationen ins Rampenlicht schaffen und ihren Moment haben…)
Die Katzen werden sehr früh wach, ich muss endlich die Balkontür im Schlafzimmer verdunkeln (Spoiler: Werde ich heute nicht). Abgesehen davon aber ein ruhiger Morgen mit gemütlicher Bettroutine. Zwischen Bloggen und Sprachen lernen stehe ich auf und mache mir zum Frühstück Grießbrei mit Erdbeeren und Matcha Latte.
Nach den Sprachen endgültiges tagfein machen und dann ist auch schon Zeit für anderthalb Stunden Webinar, wieder viel gelernt. Hinterher telefoniere ich mit dem Liebsten und esse zwischendurch zwei schnelle Käsebrote mit Pflaumenchutney. Wir feuern uns gegenseitig zu ungeliebten Aufgaben an. Meine ist, meinen Schreibtisch aufzuräumen, Ablage zu machen und neue Aktivierungsbriefe für die photoTAN-Apps auf dem neuen Telefon zu bestellen. Geht zum Glück einfach per Klick im Online-Banking. Während all dieser Dinge läuft im Hintergrund die Regierungserklärung live aus dem Bundestag.
Und zwar in einem Stream mit Live-Chat, auf den ich ab und an einen Blick werfe. Hui, zehn Deutsche sind wirklich dümmer als ein Deutscher (und das kommt gar nicht auf die Nationalität an, wurde aber damals von Heiner Müller so formuliert). Rechnet man ein paar offensichtliche Trolle und Bots ab, gibt es immer noch eine erschreckende Menge von Menschen, die wenn Merz über die Ukraine spricht schreiben: „Über Gaza darf er nicht reden.“ oder überhaupt eine Regierungserklärung mit: „Immer nur Reden, der soll mal was tun.“ kommentieren – eine Woche nach dem der Mann ins Amt gestartet ist. Und scheinbar glauben viele, der Kanzler würde die Kommentare live oder später nachlesen, es wird sich viel an ihn direkt gewendet, mit Handlungsaufforderungen. Faszinierend. Immerhin wird dann bei Weidels Erwiderung ordentlich empört kommentiert, scheinbar wird der Chat gut moderiert oder die AfD-Anhänger*innen gucken keinen Stream der ARD.
Anyway, irgendwann ist alles aufgeräumt und sortiert (also soweit, wie es nötig ist, Pareto-Prinzip und so) und ich erledige einige Telefonate und Planungen. Dann habe ich noch etwas Zeit und lese ein wenig in meinem Buch weiter. Und dann ist auch schon Aufbruch, denn ich habe heute noch etwas Spannendes vor. Ich ziehe mich ausgehfein an, wechsle von den einzulaufenden Docs in die eingelaufenen Sneakers, bringe eine Menge Papiermüll weg und mache mich auf den Weg. Leider fallen mir schnell zwei Probleme auf: Der Fuß, der in den Docs super zurecht kommt, hat in den Sneakern direkt wieder Schmerzen. Ich nehme also für eine Station die S-Bahn und bin auch ansonsten sehr humpelig unterwegs. Und mein Datenvolumen für diesen Monat ist alle, ich habe wohl in Ostfriesland und in den vielen Zügen doch mehr verbraucht, als sonst. Zähneknirschend kaufe ich für teures Geld ein GB nach und hoffe, damit die nächsten drei Tage im Draußen zu überstehen, bis es wieder frisches Volumen gibt. Das ist mir so zuletzt im Urlaub passiert und passt gar nicht mehr in mein aktuelles Erleben von WLAN zu WLAN. Verrückt.
Dann aber das Abenteuer. Die Freundin in Madrid hat mir bei unserem letzten Telefonat eine „neue“ App empfohlen. Man meldet sich an, bezahlt für einen gewissen Zeitraum eine Gebühr und kann dann wöchentlich an bis zu zwei Abendessen teilnehmen. Am Abend vorher erfährt man, in welchem Restaurant sie stattfinden und wie die Zusammensetzung der Gruppe nach Nationalitäten und Beschäftigungen ist. Man gibt vorher Präferenzen für Essen, Kosten und Bezirke ab und füllt einen Fragebogen über sich aus, nachdem die Leute gematcht werden, etwa zu Alter, Interessen, Sprachkenntnisse und Intro- oder Extrovertiertheit. Danach stellt die App (vermutlich ein Algorithmus) passende Gruppen zusammen. Pro Woche gibt es einen Termin nur für Frauen und einen für alle Geschlechter. Die Freundin in Madrid war begeistert von ihren Erfahrungen und jetzt probiere ich das auch aus.
Sehr gefreut habe ich mich gestern Abend über die Bekanntgabe des nepalesischen Restaurants, das ich noch nicht kenne und das gar nicht so weit weg liegt. Die Gruppenzusammensetzung sagte: Mexiko, Ukraine, Türkei, Puerto Rico und Deutschland, Dinnersprache Englisch. Drei Menschen aus dem Tech-Bereich, zwei aktuell nicht arbeitend. Typisch Berlin also. Im Laufe des heutigen Tages kam noch eine zweite deutsche Person aus dem Service-Bereich dazu – heute war keine deutschsprachige Gruppe zusammengekommen, sie wurde dann gefragt, ob Englisch auch OK wäre und wurde zu uns gematcht. Dafür tauchte die türkische Person am Ende nicht auf – schade.
Spannende Erfahrung, mit Leuten zusammengeworfen zu werden, die man nicht kennt und über die man nichts weiß. Aber eigentlich auch wie bei vielen Veranstaltungen, von daher werfe ich mich voll hinein. Zuerst werden die Gesichter mit Namen versehen und den Nationalitäten zugeordnet – man geht von dem aus, was man weiß und arbeitet sich dann vor. Die von der App vorgeschlagenen Gesprächsprompts ignorieren wir. Wir bestellen erstmal und starten dann in eine Vorstellungsrunde, wo jede*r etwas über sich erzählt – wie lange in Deutschland/Berlin, Lebenssituation, Arbeit… Alle so, wie sie Lust haben. Ich bin mal wieder die einzige in Berlin geborene, die andere deutsche Person ist aus Süddeutschland zugezogen, ja aus Baden-Württemberg. Alle wohnen im Prenzlauer Berg, alle sind mindestens mein Alter.
Papadams mit Achar, SojabohnensalatMungbohnen-Raja, vier Sorten Momos (Gemüse, Hühnchen, Lamm und Wasserbüffel)
Schnell finden sich Anknüpfungspunkte – das Wetter in Berlin, Architektur, in London verbrachte Zeiten, öffentlicher Nahverkehr, Pandemieerfahrungen… Eine Person hat ein Projekt in einer Stadt gehabt aus der eine andere kommt, eine dritte war dort mal touristisch unterwegs… Es ist erstaunlich, wie schnell man etwas findet, auch mit völlig Fremden. Das Essen gerät dabei leider etwas in den Hintergrund. Es schmeckt gut, aber ich habe schon besser Nepalesisch gegessen, gerade neulich in Hamburg, zum Beispiel. Die Essen in Madrid, bei denen meine Freundin war, waren anders – spanisch lebhaft, mit Alkohol und hinterher Nummern austauschen. Bei uns geht es ruhiger zu. Kein Alkohol, wir bestellen alle nur jeweils einen Gang und als es am Ende darum geht, in die in der App bekannt gegebene Bar zu wechseln, in der sich alle Gruppen in der Umgebung treffen können, winken bis auf einen alle ab. Man muss zurück zu Kindern oder morgen früh raus und bei mir mahnt mein Fuß, zusätzliche Wege zu vermeiden. Außerdem ist die Bar am Rosenthaler Platz, das ist mir zu hektisch und ungemütlich.
Also höfliche Verabschiedung und Heimweg, kurz nach 9 bin ich schon wieder zuhause. In der App kann ich dann Feedback geben, zum Lokal und zu den Teilnehmenden – geben sich zwei positives Feedback, können sie über die App Kontakt aufnehmen. Die Gruppe war gut zusammengesetzt, wir waren drei Frauen und zwei Männer, das Verhältnis zwischen still und laut war gut austariert, so dass schnell ein Gespräch ins Laufen kam. Mit etwas mehr Zeit hätten sich die Gespräche bestimmt vertieft und vielleicht gibt es ja nochmal Kontaktaufnahmen über die App. Genau so cool wie bei der Freundin in Madrid war es leider nicht, aber ich habe noch drei Monate lang Gelegenheit, es weiter auszuprobieren, wenn Zeit und Kontostand es erlauben.
Theoretisch ausschlafen gekonnt, praktisch wieder kurz nach 7 wach gewesen. Dafür aber lasse ich mich in der morgendlichen Routine so gar nicht stressen, lese ausführlich das Internet leer, blogge in Ruhe, mache Französisch und Italienisch hingebungsvoll und zaubere mir dann zum Frühstück auf dem Balkon aus letztem Buchweizen und vorletztem Apfel mit Holunderblütenzucker eine ordentliche Gretschka/Kascha/Gretschnewaja Kascha. Dazu Joghurt mit Crowdfarming-Orange und Beerenmate.
Danach mache ich mich tagfein in der Erwartung, dass der Bote mit meinem neuen Telefon bald klingelt. Das Lieferfenster verschiebt sich aber nochmal nach hinten, was mir Gelegenheit gibt, mich darüber zu ärgern, dass das Telefon seit gestern Abend erst von Prag nach Köln, dann von Köln nach Berlin geflogen ist. Sicherlich ergibt das in irgendwelchen Logistik-Zusammenhängen Sinn, aber aufs einzelne Gerät gerechnet eine unheimliche Verschwendung und Umweltsünde.
Als es dann später klingelt. stecke ich gerade mitten in einem Webinar, aber das Annehmen geht ja schnell. Nach dem Webinar packe ich aus, fange schon mal an, zu laden und stecke das Gerät direkt in seine neue Hülle. Die liegt sehr angenehm in der Hand, ich werde mir aber noch neue Handhaltungen antrainieren müssen, denn die neue Hülle hat die Aussparungen anders und drückt mir noch stärker auf den kleinen Finger als die alte. Irgendwas ist ja immer.
Jetzt ist es Zeit nach draußen zu gehen. Ich bringe eben Müll weg und laufe dann zum Handyladen in der Nähe und lasse direkt professionell noch eine Displayschutzfolie aufziehen. Erst jetzt habe ich ein gutes Gefühl dabei, tatsächlich mit dem Telefon zu hantieren. Schon skurril, dass die nicht einfach so gebaut sind, dass sie nicht kaputt gehen, wenn sie unvermeidlich irgendwann runterfallen. Auf dem Heimweg kaufe ich noch Erdbeeren, wenn schon die Kohle aus dem Fenster schmeißen, dann richtig.
Zurück am Schreibtisch mache ich mich ans Einrichten des neuen Telefons. Nachdem sowas ja früher eeeeeeewig gedauert hat, vor allem mit Abschreiben und Wiedereintippen von lauter Telefonnummern – so wurden damals Kontakte aussortiert – und es dann eine Zeitlang superschnell ging, dauert es heutzutage wieder eine ganze Weile. Es wird zum Beispiel direkt ein Betriebssystem-Update notwendig, das sich unvernünftig lange hinzieht. Ich recherchiere kurz und breche den Vorgang dann ab, setze das Gerät nochmal zurück, richte es provisorisch ein, mache das Update (dauert jetzt nur ne gute halbe Stunde), setze es nochmal zurück und übertrage erst dann die Daten vom alten Gerät aufs neue. Während des Updates bastle ich mir aus dem Rest Kartoffeln von gestern plus roter Spitzpaprika, Oliven, Schnittlauch und Oregano einen schnellen Salat.
Und dann geht es daran, alle Apps einsatzfähig zu machen – einige sind ganz einfach da, ich bin eingeloggt und alles passt. Bei anderen muss ich mich neu einloggen und verifizieren. Wieder andere wurden nicht übertragen und müssen neu aus der Cloud runtergeladen werden. Und bei allem, was mit Geld zu tun hat, sind nochmal zusätzliche Schritte notwendig. Ich werde das alte Handy noch eine Weile in Betrieb halten müssen, um meine photoTAN-Apps zu nutzen, bis auch das funzt. Jetzt ist das Handy jedenfalls einsatzfähig – etwa sieben Stunden nach Erhalt, reine Einrichtungszeit locker vier Stunden. Ich setze mich noch eine Weile nach draußen auf den Balkon, trinke Acqua Sale e Limone und telefoniere mit dem Liebsten.
Später wechsle ich nach drinnen, esse Käsebrot und Erdbeeren und schlage etwas Zeit tot, bis um 21 Uhr das erste Halbfinale des ESC beginnt. Das Finale am Sonnabend werde ich verpassen, weil wir da auf einem 40. Geburtstag sind (der Mann der besten Freundin, der junge Hüpfer!), aber wenn ich beide Halbfinale gucke, habe ich ja trotzdem alle Acts gesehen. Donnerstag steht noch nichts an, das sollte klappen.
Erstes Foto mit dem neuen Telefon – der Mond kurz vor Mitternacht