02.06.2025 – Verstrahlt im Stadtbild

By rights sollte ich heute einfach den ganzen Tag im Bett liegen und mich auskurieren, viel Flüssigkeit zu mir nehmen, mich von Unterhaltungsprogramm berieseln lassen und zwischendurch immer wieder einschlafen. Tatsächlich habe ich aber zwei dringende To Dos auf der Liste und kann nur ein drittes absagen. Von daher bekommt Berlin mich heute nochmal von meiner besten Seite (nicht) zu sehen. Aber erst später.

Erstmal schlafe ich erstaunlich gut und viel, mit Pausen zwar, aber doch deutlich mehr als im Zelt. Dann gibt es Porridge mit TK-Früchten und Tee mit Ingwer, einem Rest Orangensaft und Kräutern vom Balkon: Melisse, Minze, Salbei und Thymian. Internet leer lesen und Bloggen dauert heute alles länger, mein Geist ist arg verschleimt, der Taschentuchverbrauch weiter hoch. Französisch kriege ich wieder etwas ausführlicher hin, aber Italienisch schenke ich mir noch, dieser Streak ist nicht sooo wichtig, da ich das einfach schon seit Jahren mache und es so im Hintergrund mitläuft, mal mehr, mal weniger intensiv, und ich außerdem für einen Lifetime-Account bezahlt habe und jetzt is ah Wurscht. Bei Französisch läuft grad ein Jahr lang Bezahl-Account, der Streak ist sehr hoch und ich bin außerdem kurz davor, A2 zu beenden. Klappt in den nächsten Tagen.

Kurz nach 13 Uhr dann quäle ich mich aus dem Bett und mache mich fertig, um ins Draußen zu gehen. Heute dann auch pflichtbewusst mit Maske. Weil alles heute langsamer geht, verlasse ich das Haus gegen 14 Uhr und fahre mit zwei Trams zu einem Augenarzttermin, auf den ich seit Monaten gewartet habe. Dafür geht dann alles erstaunlich schnell, straff organisiert und kompetent voran. Einzig mit Zahlen hat es der Herr Doktor nicht so, da muss ich nochmal nachrecherchieren, ab welcher kumulierten Menge meines täglichen Medikaments ich öfter als einmal im Jahr vorbeikommen sollte – die von ihm zuerst genannte überschreite ich mit der täglichen Dosis, die zweite genannte passt nicht zu dem Zeitraum, den ich auf die Schnelle im Internet finde. Egal, ich mache erstmal mit den jährlichen Kontrollen weiter.

Was ich nicht bedacht habe – war bei dem Stümperaugenarzt im Oktober nämlich nicht so – ist, dass ich für die Prozedur Augentropfen bekommen würde und danach a) schlechter sehen und b) sehr lichtempfindlich sein würde. Ergo habe ich keine Sonnenbrille dabei, was ich beim Hinaustreten in den gleißenden Juni-Sonnenschein sofort bereue. Und ich habe halt noch das zweite To Do auf der Liste und muss noch nach Weißensee. Aufgrund von Streckenänderungen (danke BVG!) kann ich aber mit einer Tram durchfahren und muss nicht wie sonst umsteigen. Dann noch die richtige Hausnummer und das richtige Klingelschild finden (nicht so einfach mit den geweiteten Pupillen) und dann kann ich mein Camping-Equipment von der lieben Mitfestivalerin entgegennehmen.

Der Rückweg würde zu Fuß eine gute Viertelstunde dauern. Ich bin aber dolle erkältet, habe einen kaputten Fuß, meine Augen sind arg zusammengekniffen, weil alles blendet und ich habe eine schwere IKEA-Tasche dabei. Zum Glück kann ich auch abkürzen und drei Stationen Bus fahren! Spätestens den Mitfahrenden muss ich jetzt wie eine typische Berliner Nachtgestalt vorkommen. Tellergroße Pupillen, benebelt im Kopf, rote Nase, humpelnd/torkelnd und mit einer Ikea-Tasche mit undefinierbarem Zeug unterwegs. Gut, dass ich so schnell wieder zuhause bin. Ich hänge die nassgewordenen Camping-Sachen auf den Balkon und krieche direktemang wieder ins Bett.

Um die Augen zu schonen, mache ich mir einen Podcast an und selbige zu. Wenig überraschend schlafe ich direkt wieder ein. Wie gut! Als ich wieder wach werde, sind die Pupillen schon fast wieder bei Normalgröße angekommen und ich habe langsam wieder Hunger, bin aber zu kaputt, um mich in die Küche zu stellen. Also bestelle ich nochmal was thailändisches – Wan Tans mit Spinat und Ingwer, Erdnuss-Dip und Pad Thai mit Tofu. Gut die Hälfte vom Pad Thai bleibt dabei für morgen übrig.

Zum und nach dem Essen schaue ich zwei re:publica-Talks (von tante und von Annika Brockschmidt), dann reicht es wieder mit Anspruch für heute. Den Rest des Nachmittags und Abends bestreite ich mit der Netflix-Miniserie Sirens. Schon wieder eine Satire über superreiche exzentrische Menschen in einem schönen Haus am Meer mit vielen Menschen, Presse, einer vermeintlich abgedrehten reichen Frau und ihrem vermeintlich normalerem reichen Mann und mit Meghann Fahy als Außenseiterin. Hatte ich ja gerade erst mit The Perfect Couple, aber funktioniert auch hier gut. Und Julianne Moore und Willem Dafoe spielen auch noch mit, was will ich mehr?

01.06.2025 – Der lange Weg zum Bett

(Bevor es untergeht: Heute ist Kindertag, die Eltern haben uns selbstverständlich gratuliert, ich fand aber zu keiner Zeit ein neues Buch oder ein kleines Lego vor, wie früher üblich. Nun ja.)

Erstes Aufwachen kurz nach 2 Uhr, die Shout Out Louds haben gerade ihren Gig beendet, von mir unbezeugt, denn ich liege mit Matschbirne und benebelt seit drei Stunden im Zelt und leide vor mich hin. Jetzt müsste ich eigentlich aufs Klo und wäre ich zuhause, würde ich das auch tun. Hier aber müsste ich mich in die Stiefel zwängen und sie gut zuschnüren und zwischen lauter angeheiterten Feiernden weit vom Vollbesitz meiner geistigen Kräfte entfernt etwa fünf Minuten im Dunkeln über den Zeltplatz laufen, anstehen und ggf. auf eine schon nicht mehr ganz saubere Toilette gehen, zum Händewaschen wieder anstehen und dann das ganze retour. Das mag ich mir nicht zumuten. Ich setze mir meine Stirnband-Kopfhörer auf, mache mir ein Hörbuch an, suche eine neue Liegeposition und versuche es nochmal mit dem Schlafen.

Etwa alle Stunde liege ich wieder wach, der Vorrat an Taschentüchern und taschentuchähnlichen Materialien geht bedenklich zur Neige. Gegen 7 ist es draußen hell, fast alle liegen in ihren Zelten, nur von einer Ecke ganz weit weg dringt immer noch Partymusik hinüber. Jetzt wage ich den Toilettengang und nehme mir gleich noch jede Menge Klopapier für die Nase mit zurück ins Zelt. Gegen 9 dann beginne ich mit dem eigentlichen Aufstehprozess. Ein weiteres Mitglied der Bezugsgruppe hat schon Kaffee gemacht und so sitzen wir beide aus unterschiedlichen Gründen kaputt und schlürfen leise unseren Kaffee. Ich frühstücke Reste (Würstchen, Ei, Apfel) und nach und nach werden die anderen auch wach.

Blöderweise kommt dann nochmal Regen, so dass ich am Ende ein feuchtes Zelt abbauen muss. Die Campingsachen kann ich einer Mitreisenden mitgeben, die mit dem Bulli zurück zu uns in den Kiez fährt. Mit Rucksack und Proviantbeutel mache ich mich dann kurz vor 11 auf den Weg Richtung Bahnhof. Der Pendelzug kommt erst in einer halben Stunde und weil es wieder nach Regen aussieht, gönne ich mir ein Taxi. Am Bahnhof muss ich dann eine weitere Stunde warten, habe aber zum Glück Internetempfang und kann die Zeit gut nutzen. Für weiteres Nasenklopapier muss ich 50 Cent für eine Toilettennutzung bezahlen.

Der Zug ist nach dem langen Wochenende und mit den vielen Festivalrückreisenden heillos überfüllt, ich bekomme diesmal einen etwas bequemeren Sitzplatz auf der Treppe. Leider fährt der Zug aktuell nur bis Oranienburg, dort müssen dann alle in die S-Bahn umsteigen, die erst 20 Minuten später losfährt und dann eine Dreiviertelstunde braucht. Ich habe aber einen normalen Sitzplatz abbekommen. Mir tun die Mitreisenden leid, denn ich huste und schniefe vor mich hin und habe keine Maske dabei. Da fällt mir die Frau auf der Hinfahrt ein, die ähnlich unterwegs war, ob ich mich vielleicht bei ihr angesteckt habe? Oder vielleicht bei einem der x Kinder auf dem Kindergeburtstag letztes Wochenende oder bei einem der 30.000 Menschen auf der re:publica? Vielleicht war das auch alles etwas viel in den letzten 10 Tagen…

An der Bornholmer Straße steige ich dann nochmal um und dann bin ich gegen 14 Uhr endlich endlich zuhause. Die Treppen hoch sind sehr anstrengend. Ich werfe alles ab, begrüße die Katzen, packe die dringendsten Sachen aus und lasse mich in die Badewanne gleiten. Vier Tage Festivalschmutz lösen sich im Wasser. Kurz danach ziehe ich um ins Bett, telefoniere mit dem Liebsten und bestelle mir was vom Thai.

Tom Kha mit Tofu, Papayasalat, Klebreis mit Mango, Ginger Ale

Ich schmecke fast nichts und lasse den Großteil des Salats für später übrig. Zum und nach dem Essen gucke ich ein bisschen re:publica nach (die Session mit Sarah Bosetti), merke aber schnell, dass ich heute für nix Anspruchsvolles mehr zu gebrauchen bin. Ich gucke The Four Seasons zu Ende und dann noch Nonnas und dann ist es auch schon wieder nach 10 und ich versuche zu schlafen. Statt des erhofften Alltags nach dem Wahnsinn der letzten Tage nun also erstmal dicke fette Erkältung (kein Covid, sagt der Test)…

31.05.2025 – Immergut Tag 3 in der Krank-Edition

Der Plan war, noch länger zu schlafen als gestern und mich den Tag über viel zu schonen, damit ich abends durchhalte um 1 die Shout Out Louds angucken kann, die das ausschlaggebende Argument für mich waren, auch dieses Jahr wieder zum Immergut zu fahren (sie und dass es eben das 25. ist). Tja, dicker Hals und schmerzendes Schlucken machen den Plan zunichte, ich bin wieder gegen 8 wach und gehen 9 treibt mich die Hitze aus dem Zelt (es sind 18 Grad, aber halt Sonne auf Zelt). Ich verlege mich aufs Symtom-Management und hole mir am Kaffeestand einen Ingwer-Zitrone-Tee und einen doppelten Espresso, dazu noch zusätzliche Zitrone am Zelt, außerdem Schmerztablette und normales Festivalfrühstück. Einer der Mitreisenden versorgt mich noch mit Vitamin C und Zink in rauhen Mengen. In der Kombination macht das alles in etwa die Wirkung von Aspirin Complex und ich fühle mich gestärkt.

So kann ich wie geplant aufbrechen zum Spaziergang durch den Wald hin zum Fußballturnier. Fiete und Schiete sind als Moderation angesagt aber wie schon letztes Jahr ist einer von beiden beruflich in Brüssel und wird nur zwischendurch per Telefonschalre involviert. Mit dem anderen, der ja auch mein Duolingo-Kumpan ist, schaffe ich zwischen Musik und Moderation ein kurzes Gespräch, bei dem er Mückenspray verweigert. Erschlagene Mücken werden eingesammelt und via Dose demnächst mit ins Mökki nach Lappland genommen, wo der Herr aus toten Mücken Kunst macht. Neben dem Zuhören nutze ich den Aufenthalt am Stadion wie immer vor allem für die örtlichen Annehmlichkeiten – es gibt ein Wasserklosett und angemessenen Internetempfang.

Nachdem die Kindermannschaft im Siebenmeterschießen souverän den fünften Platz verteidigt hat und nur noch das Spiel um Platz 3 und das Finale anstehen, mache ich mich langsam auf den Rückweg. Der Plan ist, sich nochmal drei Stunden hinzulegen und dann erst ab 18 Uhr auf dem Gelände zu sein. Für eine gute Stunde klappt das auch, ich lese und döse immer wieder weg. Dann aber wird es auf dem Zeltplatz zu laut und hektisch und im Zelt zu heiß. Ich fülle meine Wasserflasche nochmal für heute Nacht auf, packe meine Sachen fürs Gelände zusammen und treffe auf dem Weg dahin nochmal eine alte Bekannte aus Rostock.

Dann suche ich mir ein ruhiges, schattiges Plätzchen auf dem Gelände, lausche der dargebotenen, ruhigeren Musik und lese einfach dort weiter. Wie schön, dass es solche Orte gibt, an denen alle einfach ihren Bedürfnissen nachgehen, nett zueinander sind und niemand komisch guckt. Allerdings fehlt halt doch der eingeplante Nachmittagsschlaf. Irgendwann hole ich mir für den zweiten Koffeinkick des Tages einen Chai Latte und noch ein wenig später Falafel mit Reis und Salat.

Laura Lee & The Jettes sind die erste Band, die ich mir ganz bewusst (und sogar teilweise im Stehen an der Bühne) ansehe. Danach ist aber direkt wieder sitzen angesagt. Je später der Abend, desto mehr vernebelt mein Kopf, die Halsschmerzen haben sich ein wenig beruhigt (vor allem, seit ich die ganze Zeit Kaugummi kaue und so minzigen Speichel da lang schicke), dafür fängt inzwischen die Nase derbe an zu laufen und die Nebenhöhlen gehen zu.

Ich treffe eine alte Berliner Freundin wieder, die ich seit einigen Jahren irgendwie nur noch auf dem Immergut sehe (die ehemalige regelmäßige Minigolfrunde hat sich irgendwann aus den Augen verloren) und wir haben uns viel zu erzählen. Dann spielt Erobique und ich schaffe sogar ein bisschen Tanzen. Danach muss ich mich wieder setzen und mir wird langsam klar, dass ich mir Shout Out Louds abschminken muss. Vorher spielen noch zwei andere Bands und ich bin jetzt schon völlig durch. Während Isolation Berlin auf der Bühne stehen, gebe ich resigniert auf und kehre über den Umweg zum Kompostklo ins Zelt zurück. Um 23 Uhr mache ich die Augen zu, denn zwischen Shout Out Louds und mir liegen noch zwei Stunden, zwei Zeltplanen und ein DJ-Set, so dass ich definitiv nichts davon werde hören können. Verdammter Mist. Der Rest ist Nebel.

30.05.2025 – Immergut Tag 2 – Keine Fotos

Die Blase drückt gegen 8 so stark, dass mir nichts weiter übrig bleibt, als mir etwas überzuziehen, in die Stiefel zu schlüpfen und einmal quer über den Zeltplatz zum Kompostklo zu stapfen – dieses Jahr übrigens kostenlos, bin begeistert! Durch die aufwendige Prozedur bin ich dann richtig wach, lege mich aber nochmal ins Zelt. Gelegenheit für Umziehen und erstes Frühstück (Pistazienwaffel, Apfel) und etwas Duolingo – für richtiges Internet reicht der Empfang hier im Zelt leider nicht. Nach und nach werden allerdings auch die anderen wach und dann gibt es in größerer Runde Kaffee, zweites Frühstück (Käsebrot, Würstchen, Ei und Zuckerwaffel) und ein bisschen besseren Empfang für einen kurzen Nachrichtenüberblick.

Um 11:30 beginnt auf dem Marktplatz die Frühstücksrunde, bei der ein ehemaliger Radiokollege von mir (und begnadeter Musiker natürlich, bekannt von Passadeena, Talking to Turtles und Das Paradies) das Matineeorchester bildet. Es gibt Geplauder mit Musiker*innen und Festivalorganisator*innen, einen Cocktail-Wettbewerb und den Wetterbericht. Es folgt ein Quiz zu 25 Jahren Immergut, für das sich ein ehemaliger Kneipenquiz-Kumpan zu mir gesellt. Dazu trinke ich ganz gesundheitsbewusst eine Maracuja-Traubenschorle. Nach dem Quiz geselle ich mich nochmal kurz zur Runde an den Zelten, esse noch eine Kleinigkeit und dann geht es auch schon aufs Gelände. Mit Himbeer-Kokos-Eis höre ich mir eine Lesung von Charlotte Brandi an und mache es mir dann liegend gemütlich für das erste Konzert und die zweite Lesung des Tages. Das ist eigentlich der schönste Teil vom Immergut: Auf der Wiese liegen, in den Himmel schauen, Text und Musik lauschen und zwischendurch auch gerne nochmal wegdämmern.

Überhaupt findet heute fußbedingt wieder sehr viel im Sitzen oder Liegen statt, was den Genuss ein wenig schmälert, da ich die meisten Konzerte nur aus der Ferne erlebe, ohne richtig von der Stimmung mitgerissen zu werden. Ich kompensiere das mit leckerem Essen und Getränken (Espresso Tonic zum Wachwerden nach dem Nickerchen bei Lesung 2, frische Pasta mit veganer Bolognese und Salat, Erdbeerbowle, Pommes mit Mango-Chili-Mayo) und Begegnungen mit Bekannten – eine plus ihre drei Kinder aus Berlin, eine gemischte Rostock-Berlin-Gruppe, ein paar Rostocker*innen.

Heute ist es etwas wärmer als gestern und ich habe auch noch mit einem zusätzlichen Thermo-Pulli vorgesorgt, so dass das viele Nicht-Bewegen leichter zu ertragen ist. Bauchschmerzen habe ich auch keine, yeah. Dafür fängt der Hals langsam an zu meckern, was sich über Nacht noch zu ausgewachsenen Schluckbeschwerden ausdehnen wird. Erstmal aber alles soweit OK.

Musikalisch reißt mich leider wenig vom Hocker, es fehlt wohl die Komponente des Gemeinschaftsbads vor der Bühne. Aber ich halte durch bis Bilderbuch spielen, sehe Teile der Show inkl. des einen großen Hits (der bei der Crucchi Gang aber schöner ist) im Stehen und mache mich dann auf den Weg Richtung Zelt und Schlafsack. Gerade als ich in den schlüpfe, schallt noch der zweite große Hit über den Platz, so dass ich dann zufrieden gegen halb 1 die Augen zu machen kann. Morgen dann der Tag mit den großen musikalischen Highlights, hoffentlich.

29.05.2025 – Immergut Tag 1 – Keine Fotos

Ohne Wecker pünktlich um 7 aufgewacht, was auch ganz gut ist, da ich so quasi ohne Stress ins nächste Festival starten kann. Nach dem morgendlichen Reboot gibt es Müsli mit TK-Kirschen und TK-Ananas und ordentlich O-Saft (nochmal ordentlich Vitamine tanken!), dann wird ausgiebig geduscht, Katzen- und Pflanzenversorgung betrieben und Rucksack und Proviant gepackt. Nach einem weiteren Liebstentelefonat geht es kurz nach 12 los zum Bahnhof. Der RegionalExpress ist feiertäglich voll und ich bekomme einen Platz auf dem Boden – der Fuß ist nicht amüsiert. Dafür kommt auf der Fahrt aber die Nachricht, dass das neuste Geschwisterkind des Teilzeitkinds geboren wurde – passgenau zwischen diverse andere Geburtstage, so ist das gut.

In Neustrelitz heißt es dann ein bisschen warten, bis der Pendelzug die Meute weiter zum Festivalgelände bringt. Dort ist dann nochmal warten am Eingang, aber das findet in der Sonne, bei Kiefernduft und Vorfreude statt – großes Zuhausegefühl bei meinem elften Immergut! Mit Bändchen versorgt finde ich schnell die Bezugsgruppe und kann erstmal ablegen und ankommen. Wir warten noch auf zwei Bullis, als die sorgfältig eingeparkt sind, können die letzten Zelte, unter anderem meins, aufgebaut werden. Dann gibt es erstmal was zum Anstoßen („Ihr habt Champagner? Dann trinken wir erst den und danach den Cremant!“ Festivals haben sich verändert, seit ich jung war.) Dann noch fix Mittagessen (mitgebrachtes Brot mit Käse, Wiener, Ei und ein paar Erik-Pflaumen) und dann geht es aufs Festivalgelände.

Die erste Künstlerin habe ich verpasst, von der zweiten (Sofie Royer) kriege ich immerhin das Ende mit, klingt gut. Richtig dabei bin ich dann bei Mel D, die richtig schöne Musik macht und beeindruckend und ungewöhnlich singt. Problematisch ist, dass der Fuß kein langes Stehen oder Tanzen erlaubt und ich mir immer schnell Sitzgelegenheiten suchen muss. Nicht bewegen bedeutet dann natürlich auch schnell frieren, zumindest bei den derzeitigen Temperaturen. Die restlichen Bands höre ich dann eher von weitem, sie klingen mal besser und mal schlechter. Irgendwann hole ich mir eine heiße Schokolade und ein paar Tacos. Die anderen testen Pasta, Pizza, Burger, Pommes… Gyros, Burritos, Crepes usw. gibt es auch noch – alles vegetarisch oder vegan. Wir werden gut versorgt.

Irgendwann habe ich nicht nur mit Fuß und Kälte zu tun, sondern auch mit Bauchschmerzen – Endometriose? Histamin? Beides? Man weiß es nicht. Ich nutze also die Neuerung des Menstruationszelts zum ersten Mal. Hier kann man gemütlich auf Sofas, Decken und Kissen chillen, mit Wärmflaschen, Decken und Gratis-Tee. Menstruationsprodukte kriegt man auch umsonst (so wie übrigens auch auf der re:publica), aber da habe ich keinen Bedarf. Und man kann sich auch gegen Pfand Wärmegurte ausleihen, das probiere ich vielleicht in den nächsten Tagen mal.

Heute sitze ich nur eine gute Stunde gemütlich, ruhe den Fuß aus, wärme den Bauch und lausche der Musik von der Bühne. Und dann gehe ich gegen 23 Uhr einfach ins Zelt. Die großen musikalischen Highlights kommen erst noch, ich muss Kräfte sparen. Sehr gut übrigens: Ich bin mit Thermoleggins, warmen Socken und Fleecedecke so gut ausgerüstet, dass ich die ganze Nacht über nicht einmal friere. Nacht 10/10, gerne wieder.

28.05.2025 – Letzter Tag re:publica

Der Streak der gut durchschlafenen Nächte ist wieder abgerissen, aber egal, der Tag wird gut! Nach dem morgendlichen Reboot (zu testender neuer Begriff für die Abfolge „Internet leer lesen – Bloggen – Sprachen lernen – Rätsel – Mit dem Liebsten telefonieren“) stehe ich auf, mache wieder Müsli zum Mitnehmen (heute White Chocolate Berry mit TK-Ananas und -Kirschen sowie Joghurt), schnappe mir eine Wegmate vom Balkon und laufe los in den Regen. Ich bin ja kein Regenschirm-Mensch, aber eine Regenjacke hätte der Situation gut getan. In der Tram verwende ich viel Zeit, mit meinem langen Rock meine Brillengläser zu trocknen ohne sie zu verschmieren. In der U-Bahn dann nochmal.

Da ich etwas später dran bin als an den beiden letzten Tagen (erste Session in meinem Plan erst halb 11, Maja Göpel gucke ich später nach), dauert der Einlass nicht so lange, dafür ist die Kaffeeschlange kurz und ich kann mir noch einen heißen Tee (Ceylon Breakfast) holen, um die nassen Klamotten auszugleichen. Den gibt es dann zu Müsli und Tipps zu gelingendem hybriden Zusammenarbeiten im Team von einer Arbeitspsychologin der VBG. Dann geht es auf Stage 2 thematisch ähnlich aber doch ganz anders weiter damit, wie psychische Gesundheit im Internet und den sozialen Medien verhandelt wird, Stichwort Selbstdiagnosen (Alle haben ADHS) oder Verstärkung von tatsächlichen Symptomen.

Danach bleibe ich gleich sitzen, denn es folgt die obligatorische Session von Marcus John Henry Brown, der eindrucksvoll zeigt, wie man eine gute Präsentation hält und trotzdem happy und mental gesund bleibt (grob zusammengefasst, in den 30 Minuten steckt noch sehr viel mehr, von beeindruckenden Zahlen über gutes Storytelling bis zu witzigen alten Fotos, unbedingt nachgucken!)

Danach laufe ich ein bisschen herum und gucke mir wieder Rahmenprogramm an. Ich hole den gestern zum Bedrucken abgegebenen Beutel ab und habe jetzt eine sehr gut aussehende Erinnerung an die Konferenz, mit der ich beim Immergut passend auftreten kann.

Zwischendurch kommt auch die Sonne kurz raus, so dass ich nochmal im Hinterhof stehe und mich aufwärme. Bei der Gelegenheit hole ich mir gleich noch den veganen Brat Dog zum Mittagessen, der OK ist, aber auch nicht mehr und nicht so lange satt macht wie die Mittagessen an den vorherigen Tagen. In der Schlange komme ich mit einer anderen Besucherin ins Gespräch, weil der Verkäufer uns beide siezt, was nicht zum (gefühlten) Altersunterschied passt (Die vor uns wurden geduzt!). Kontakte knüpfen, so wichtig!

Es folgt eine sehr amüsante Session darüber, wie Popkultur und Nerdtum die Welt retten kann, mit Beispielen von Jules Verne und Mary Shelley im 19. Jahrhundert über Star Trek und Star Wars bis hin zu Pikachu und K-Pop auf Demonstrationen. Auch unbedingt nachzugucken, auch wenn dem Vortragenden ein Übersetzungsfehler unterläuft, der meinen inneren Sprachnerd enttäuscht, Stichwort Rudy Giuliani bei SNL nach 9/11.

Als ich wieder rauskomme, entdecke ich, dass es im Makerspace wieder Mate zu verkosten gibt. Damit habe ich vor Jahren (2018 oder 2019?) schonmal gute Erfahrungen gemacht. Ich mache mir eine Tasse und darf sie immer wieder auffüllen – das mache ich im Laufe des Nachmittags dreimal. Erst aber setze ich mich damit ein bisschen hin und lege den Fuß hoch, der an Tag 3 mit viel Herumlaufen jetzt doch anfängt, zu schmerzen.

Um 16 Uhr dann stehe ich am Stand einer Initiative für Wissensvermittlung zu Pflanzen und Ernährung, verkoste Brot mit Möhrenblätterpesto und mache dann beim Gemüse-Tinder mit, bei dem wir lernen, welche Pflanzen man gut nebeneinander anbauen kann und welche eher nicht, teilweise mit Erklärung, teilweise sind es nur jahrhundertealte Erfahrungswerte, für die es immer noch keine wissenschaftliche Begründung gibt.

Beim Herumlaufen danach entdecke ich nach drei Tagen endlich zum ersten Mal die Kaltmamsell, die gerade am Affenfelsen im Gespräch mit drei weiteren geschätzten Damen aus der Timeline ist, die ich noch nicht persönlich kennengelernt habe und geselle mich dazu. Das Gespräch mäandert zwischen re:publica-Eindrücken, Dialekt-Feinheiten, Politik und anderen Timeline-Menschen hin und her. Am Ende verabschieden wir uns alle wieder in unterschiedliche Richtungen bzw. Sessions.

Bei mir sind es Notes of Berlin, die gezeigt und eingeordnet werden. Ich bin mir relativ sicher, dass ich so eine Session schon mal auf einer re:publica gesehen habe, aber es ist halt jedes Mal wieder witzig. Ich nehme mir vor, im Stadtbild noch mehr als zuvor auf die Zettel zu achten und witzige Exemplare einzuschicken.

Und dann ist auch schon wieder Ende – Closing Ceremony. Nächstes Jahr findet die re:publica früher statt, also vermutlich nicht in der gleichen Woche für das Immergut. Mal sehen, ob ich es wieder mitmache (Das denke ich jedes Mal, aber der Termin steht schon wieder im Kalender und wenn die Early Bird Tickets rauskommen, werde ich wahrscheinlich wieder zuschlagen und dann schauen wir mal, ob es am Ende alles klappt.) Dann noch Singen (Es ist erst vorbei, wenn die dicke Stage gesungen hat) und nostalgisch an 2020 denken, als wir remote gesungen haben und Nimbin es ins offizielle Video geschafft hat.

Hinterher mache ich mich schnell auf den Heimweg, keine Zeit für Emotionalitäten oder um noch zu tanzen. Der Fuß tut außerdem immer noch weh. Unterwegs kaufe ich letzte Dinge fürs Immergut ein, morgen ist ja Feiertag) und dann geht es nach Hause. Ich versorge die Katzen, koche Pasta mit Tomaten und Thunfisch und telefoniere mit dem Liebsten.

Währenddessen werde ich zu einer WhatsApp-Gruppe von ehemaligen Kolleg*innen hinzugefügt, eine Reunion ist angedacht. Alle fügen alle hinzu, deren Telefonnummern sie noch haben. Die Gruppe wächst und wächst, ist zum Glück stummgeschaltet, und es werden jede Menge Insider und Anekdoten ausgetauscht. Bis ich gegen Mitternacht ins Bett gehe sind etwa 300 Menschen in der Gruppe, Tendenz steigend. Bin gespannt, ob die Reunion wirklich irgendwann stattfindet und ob wir das Olympiastadion dafür anmieten werden müssen. Zum Glück ist das nicht meine Baustelle…

27.05.2025 – re:publica Tag 2

Nochmal gut geschlafen, wie schön. Ansonsten der Morgen ähnlich wie gestern, nur dass ich keine Banane fürs stehende Frühstück mehr habe und mir statt Stulle und Apfel fürs Frühstück Müsli mit Joghurt und TK-Himbeeren und -Granatapfelkernen mitnehme. Mate ist noch da, also kann ich die Klischees bedienen und damit in Tram und U-Bahn sitzen. Unvorbereitet bin ich dagegen darauf, dass es auch ohne Ticketkontrolle wieder eine Einlassschlange gibt, aber das geht dann sehr schnell. Früher als Gedacht sitze ich am Speak Up und löffle mein Müsli, vor und während meine erste Session des Tages stattfindet – zum Arbeitsalltag und möglichen Quereinstiegen in Behörden – stattfindet. Wo kann ich unterschreiben?

Danach geht es weiter zur Bühne von ARD und ZDF, wo eine Holocaust-Überlebende und eine Zeitzeugin (Witwe eines Überlebenden) vorgestellt werden und von ihren Erfahrungen berichten. Sie sind Teil des Projekts Zeugnisse, das die Erzählungen von Überlebenden aufzeichnet und für die Nachwelt verfügbar macht, solange das noch möglich ist.

Weiter geht’s mit einem eher skurrilen Vortrag über die Entwicklung von Design über die Generationen und wie Canva dabei unterstützen kann. Es gibt zwar einige Aha-Momente, aber die stehen so auch schon im Abstract und werden nur noch zwei oder dreimal wiederholt. Die Session ist sehr schnell vorbei und es gibt auch keine Fragen – später sehe ich auf YouTube, dass das dazugehörige Video nur elf Minuten lang ist. So verlasse ich diese Bühne schnell wieder und bekomme noch einen Teil von Johnnys Interview mit Ricarda Lang mit, das ich mir aber nochmal in Gänze zu Gemüte führen werde.

Da ich danach etwas Luft habe, esse ich schon wieder, und zwar diesmal einen okayen Burrito – nachdem es negative Berichte über den Burger gab, habe ich die Entscheidung über Mastodon und Bluesky gecrowdsourced. Morgen dann der Brat Dog, denke ich.

Danach geht es zu einer interessanten Session zu einem anderen Ansatz für die Jobsuche, basierend auf dem Gerne-Prinzip. Ich finde es spannend, mache direkt im Anschluss spontan noch ein kleines Networking-Training am Stand von Flipped Job Market mit und hole mir später das signierte Buch dazu am Dussmann-Stand. Bei dem Networking treffe ich auf zwei nette Frauen und wir tauschen uns über Netzkultur, mentale Gesundheit und neue Eissorten aus. So soll re:publica!

Danach habe ich wieder ein bisschen Luft und schlendere durch die Halle. An einem Stand baue ich meinen CO2-Verbrauch aus Legosteinen zusammen und schneide für Generation Y (zumindest unter den hier teilnehmenden) durchschnittlich, aber gut ab. Am meisten spare ich dadurch, dass ich Ökostrom beziehe und nicht Auto fahre. Meine größten Treiber sind hingegen, dass ich ab und zu Fleisch- und Milchprodukte esse und in Flugzeuge steige.

Obligatorisches Selfie

Dann geht’s mit zwei weiteren Sessions zurück in die Arbeitswelt – einmal über die Mischung verschiedenster Generationen am Arbeitsplatz, die zunehmend wichtiger und präsenter wird, und wie sie gelingen kann. Und dann über das Arbeitsumfeld bei den Berliner Wasserbetrieben. Auch hier wieder: Wo kann ich unterschreiben? Kommunalwirtschaft ist auf jeden Fall auch ne gute Sache.

Aus der nächsten Session verabschiede ich mich früh, weil das Thema an dem vorbeigeht, was ich erwartet hatte. Stattdessen lande ich auf dem Fußboden der Stage auf der Maximilian Czollek über Erinnerungskultur und deren Verankerung im Grundgesetz spricht.

Symbolfoto Schuhtrends auf der re:publica

Danach gehe ich zu einer Session, in der wissenschaftlich untersucht wird, ob TikTok wirklich Teenager*innen radikalisiert. (Passend zum re:publica-Motto steht im Titel Gen Z, tatsächlich sind aktuell ja die Hälfte der Teenager bereits Gen Alpha…) Antwort: Der TikTok-Algorithmus belohnt Aufmerksamkeit, Engagement und Emotionen, ist also von seiner Natur her dazu geeignet zu radikalisieren, aber es lassen sich bisher keine direkten Manipulationsversuche, etwa durch die chinesische Regierung, nachweisen. In Studien wird vor allem die Radikalisierung von Rechts oder durch religiöse Extremist*innen untersucht. Ich denke an meinen eigenen TikTok-Feed, der voll ist von links-grün-woken Menschen aus aller Welt, die sich (zum Glück) gegen den Faschismus radikalisieren und vernetzen. Geht also wirklich in alle Richtungen, wie immer im Internet.

Dann habe ich wieder etwas Zeit totzuschlagen und gehe mir nochmal etwas anschauen, das ich vorher nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen habe – am Rand der Halle wird das Projekt „Oh wie Osten“ vorgestellt, in dem zwei ostdeutsche Design-Studentinnen an einer westdeutschen Hochschule ein Gesellschaftsspiel entwickelt (und designt) haben, mit dem man über Ost-West-Themen ins Gespräch kommen, Neues lernen, reflektieren, Ideen entwickeln und dafür Punkte bekommen kann. Wir spielen ein paar Fragen und landen direkt bei großen Themen. Sehr cool! Demnächst gehen die beiden damit auf Tour durch Begegnungsorte in ostdeutschen Städten. Mehr Infos gibt’s auf Instagram.

Für die letzte Session des Tages entscheide ich mich für einen Live-Podcast mit drei meiner liebsten Internet-Menschen, auch wenn ich diesen speziellen Podcast nur sehr selten höre. Nilz Bokelberg, Maria Lorenz-Bokelberg und Herm reden über dies und das, zeigen lustige Videos und machen viel Quatsch.

Zwischendurch müssen wir dann alle das Gebäude wegen eines falschen Feueralarms verlassen und stehen etwas ratlos auf dem Hof herum. Bei der Gelegenheit sehe ich auch Sarah Bosetti und Marc-Uwe Kling, deren Auftritte ich mir später auf YouTube anschauen werde – wie auch alle anderen von Prominenten, Heidi Reichinnek war heute auch da, zum Beispiel.

Nach einer Weile dürfen wir wieder rein und machen die Session zu Ende. Danach fahre ich nach Hause, versorge die Miezen und mache mir Kartoffelsalat mit Flusskrebsen und einem Klecks Mayo.

Zum und nach dem Essen telefoniere ich mit dem Liebsten und schaue dann den heutigen Besuch von König Charles in Ottawa nach, freue mich über die Zusammenkunft mit der Inuit-Generalgouverneurin, die Powwow-Trommelgruppe, das Land Acknowledgement des Königs, die vielen Federkronen von Abgeordneten im House of Commons (sämtlich auf der Seite wo Labour und NDP sitzen, natürlich) und Justin Tudeaus grüne Schuhe zum blauen Anzug. Und natürlich über die Spitzen gegenüber dem orangenen Diktator, die in der Rede verbaut sind.

Danach fange ich an, erste Sessions auf YouTube nachzuschauen, mache aber gegen Mitternacht doch das Licht aus.

26.05.2025 – Erster Tag re:publica

Erstaunlich gut geschlafen, irgendwann holt sich der Körper doch, was er braucht. Folglich zum ersten Mal seit langem vom Wecker geweckt worden, statt schon lange vorher wachzuliegen. Ich lese das Internet leer, blogge, telefoniere mit dem Liebsten, mache Französisch und Italienisch. Dann stehe ich auf, versorge die Katzen, packe meinen Festival-Beutel, esse eine Banane im Stehen, schnappe mir eine Weg-Mate und verlasse das Haus. Mit Tram und U-Bahn fahre ich zur Station. Ganz ungewohnt, ich musste mich in den letzten Wochen immer wieder daran erinnern, dass es diesmal nicht in die Arena geht. Letztes Jahr in der Station konnte ich aus Gründen nicht teilnehmen, die beiden Jahre zuvor war es in der Arena, die beiden Jahre davor remote. Mein letztes Mal Station ist also wahnsinnige sechs Jahre her.

Da ich die pre:publica ausgelassen habe, muss ich mich in die sehr sehr lange Schlange einreihen, die zu dem Zeitpunkt schon bis zur Bundespolizei führt. Trotzdem geht es erstaunlich schnell und kurz nach 10:30 betrete ich das Gelände und laufe schnell zu Stage 1. Beim Betreten der Halle ein kurzer Herzklopf-Vorfreude-Zuhause-Moment. Schön. Ich erreiche die Stage genau als Nilzi das re:publica-Programm begrüßt. (Seit ich NiWiVe höre kann ich nur noch Nilzi zu Nilz Bokelberg sagen.)

Und dann geht’s los durch einen vollen Programm-Tag. Ich optimiere meinen Favoriten-Plan so, dass ich jeweils nur eine Veranstaltung gleichzeitig drin habe (fast alles umschiffend, was auf den ganz großen Bühnen stattfindet, weil ich das später auf YouTube nachgucken kann). Es geht viel um die Rettung der Demokratie vor Broligarchen, Big Tech und ganz normalen Faschisten. Darum, wie man die digitalen Technologien nutzen kann, um Gutes zu tun und mit welchen Strategien man die Hürden überwinden kann, die die großen Plattformen einem inzwischen in den Weg legen. Digitalisierung in der Verwaltung, sich als „verrückt“ gerierende Diktatoren, von denen man sich nicht blenden lassen darf, der größer werdende digitale Graben zwischen entwickelten und Entwicklungsländern und seine Auswirkungen auf Zukunft und weltpolitische Machtverhältnisse und wie wichtig es ist, strategisch Dinge zu beenden um Neues zuzulassen.

Während der zweiten Session knabbere ich mein mitgebrachtes Brot mit veganem Schinken und einen Apfel. Nochmal etwas später hole ich mir draußen am Foodtruck einen sehr okayen aber arschteuren veganen asiatischen Nudelsalat (10 Euro!).

Ich komme nicht so richtig dazu, mit Menschen zu reden, höre aber welchen zu. Unter anderem zwei Damen, die für die CDU arbeiten und sich verklausuliert über Arbeitsdinge unterhalten. Einmal sitze ich neben jemandem aus der Timeline, lasse mir aber nichts anmerken, weil mir grad nicht nach Reden ist. Mehrfach sehe ich Menschen aus meinem Internet von weitem, aber niemand von denen, mit denen ich regelmäßig kommuniziere. Und dann renne ich halt auch ständig von Session zu Session. Morgen vielleicht. Zu meiner Verteidigung: Ich sehe außerhalb der Session-Locations auch sehr wenig vom Gelände und dem ganzen Drumherum, auch davon vielleicht morgen mehr.

Nach der letzten Session und vor dem Karaoke (die Woche wird noch lang) mache ich mich müde auf den Heimweg. Zuhause setze ich Pellkartoffeln auf und nutze die Kochzeit um Katzen und Pflanzen zu versorgen und Kräuterquark anzurühren. Damit geht es dann auf die Couch. Ich telefoniere nochmal mit dem Liebsten, lüfte mein volles Hirn aus und liege halb 11 schon wieder in der Falle. Knapp 10.000 Schritte mit dem Fuß in den neuen Docs – das geht erstaunlich gut, aber noch nicht spurlos an mir vorbei.

25.05.2025 – „Oh Mein Gott!!!!“

Als ich wach werde, ist es noch komplett dunkel (Jalousien) und still im Haus – kein Mux zu hören außer das Atmen des Liebsten neben mir und die Geräusche der Luftmatratze, wenn sich jemand bewegt. Ich versuche auf verschiedenste Arten, wieder einzuschlafen, gebe aber nach einer Weile auf und fange an das Internet leer zu lesen und zu bloggen. Das war jetzt die dritte unruhige und kurze Nacht in Folge und diesmal habe ich maximal vier Stunden rausschlagen können, wenn auch nicht am Stück. Zum Glück kam der Papa der kleinen Geschwister gestern noch nach Hause, sonst hätte ich vor lauter Verantwortung und Hinhorchen gar kein Auge zugemacht. Und der Liebste und ich hätten dann auch mit den Beiden in einem Zimmer geschlafen, statt das leere Zimmer des Teilzeitkinds für uns zu haben, das ja unten mit den anderen auf dem Matratzenlager pennt.

Wobei, jetzt nicht mehr. Gegen 7 geht unten das Geschnatter wieder los und irgendwann gesellt sich auch das größere der beiden kleinen Kinder dazu. Der Liebste und der Geschwisterpapa werden dann auch wach und so geht es für alle irgendwann nach unten, nur das kleine (bald mittlere) Geschwisterkind schläft und schläft und schläft. Erstmal Kaffee für die Erwachsenen. Die Kinder verlegen ihr „Wahrheit-oder-Pflicht“-Spiel nach oben, während wir unten Partyreste verräumen, den Geburtstagstisch finalisieren und Brötchen aufbacken. Als die Kerzen brennen, dürfen die Kinder wieder runterkommen. Wir singen nochmal und dann packt das Teilzeitkind eine knappe Stunde lang Geschenke aus und kommentiert wahlweise mit „Oh mein Gott, [xxx]“, „Wie süüüüüß!“ oder „Das kenne ich, das ist ja toll!“. Zwischendurch rufen die Teilzeitkindmama und die Oma an und gratulieren nochmal offiziell und werden mit Dankesworten für die Geschenke belegt.

Nebenbei wird schon fleißig Geburtstagskuchen gegessen und dann sehr früh das erste Kind abgeholt, dass hier in der Nähe Sonntagmorgens immer Reiten geht. Für die anderen gibt es dann ausführliches Frühstück mit Brötchen, Rührei und Co. Nach und nach ziehen sich alle an und werden abgeholt, das Matratzenlager leert sich und wir gehen an die Feinplanung für den Geburtstagstag, die am Ende so aussieht:

Das Teilzeitkind fährt mit dem letzten Geburtstagskind Trampolinspringen, inkl. Videos drehen, natürlich. Der Geschwisterpapa fährt mit den kleinen Geschwistern die Mama im Krankenhaus besuchen. Der Liebste fährt nach Hause, bäckt die Muffins für die Schule und erwartet dort das Teilzeitkind. Dann gehen der Liebste und das Teilzeitkind nochmal zum Stammitaliener für ein Extra-Geburtstagsdinner mit südländischer Feierintensität, bevor er das Teilzeitkind wieder zurück zu Geschwistern und Geschwisterpapa bringt, damit es ggf. heute Nacht auf die Kleinen aufpassen kann, falls die Geburt ernsthaft losgeht und der Geschwisterpapa ins Krankenhaus fahren muss. Für den Fall würde dann wiederum der Liebste sich in ein Taxi setzen und das Teilzeitkind schnellstmöglich unterstützen. Falls alles ruhig bleibt, bringt er morgens nur die Muffins in die Schule. Es ist ein ausgeklügelter Plan mit diversen Wegpunkten und Pfadabhängigkeiten. Und ich? Ich habe meine eigene Challenge.

Nachdem ich die Reisegruppe Südberlin in den Bus gesetzt habe, laufe ich selbst – völlig übermüdet – zur S-Bahn und fahre direkt durch nach Norden. Unterwegs mache ich die täglichen Rätsel, für die Sprachen bin ich noch zu kaputt. Ich bringe meinen Kram nach Hause, sage den Katzen und der Mitbewohnerin „Hallo“ und düse (man stelle sich ein langsam müdes, fußweh-müdes Schlurfen vor) mit einer Tasche voll Zelt, Schlafsack, Isomatte und Fleecedecke wieder nach unten. Dort nehme ich ein Taxi um ein Stück durch den Prenzlauer Berg zu fahren (Ich wäre trotz S-Bahn fast eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs gewesen, das geht mit dem Gepäck nur mit gesundem Fuß.) und bringe das Gepäck zu dem Freund, der es am Donnerstag für mich zum Immergut mitnehmen wird, so dass ich nur meinen Rucksack mit den Klamotten tragen muss.

Ich war ewig nicht bei ihm zuhause und habe auch seine Frau ewig nicht gesehen. Also gibt es erstmal ein ausführliches Catch-up-Gespräch bei selbst gemachtem Eistee, bis mit fast die Augen zufallen und ich mich ohne Gepäck, also zu Fuß und mit der Bahn, wieder auf den Heimweg mache. Dort packe ich fertig auf, entdecke mir fremde Kinderklamotten im Rucksack, die ich gleich erstmal in die Waschmaschine stecke, und mache mir Caprese mit Büffelmozzarella zum späten Mittagessen.

Das ist Ginger Ale!

Damit geht es dann aufs Bett, genug bewegt für heute! Kurzer Check-In mit dem Liebsten, der die Muffins fertig hat und dann mache ich endlich Französisch und Italieniscb und gucke mir erschöpft Quatsch im Internet an. Später kommen Bilder vom Stammitaliener und noch mehr Geschenken und Extra-Desserts mit Kerzen drin für das glückliche Teilzeitkind. Ich kriege Hunger und mache mir noch eine schnelle Pasta „Alfredo“, also mit Butter und Parmesan.

Noosa hat ein Auge auf mich

Als der Liebste anruft und berichtet, dass das Teilzeitkind gut wieder bei den Geschwistern angekommen und soweit alles ruhig ist, bin ich beruhigt. Ich lade meine Powerbanks und den Kopfhörer für die re:publica morgen (wegen Wetter und Allem heute leider keine pre:publica für mich) und lege mich, inspiriert von den Kindern, mit einer Gesichtsmaske in die Badewanne. Halb 11 geht im Bett das Licht aus und dann wird endlich, endlich geschlafen.

24.05.2025 – Das war‘s mit ölf, gleich bist Du zwölf!

Kurze und unruhige Nacht, spätestens vorbei als ein aufgeregtes Teilzeitkind gegen halb 8 unter die Dusche hüpft und sich für die Party schick macht. Wir liegen mit Kaffee im Bett und lassen das alles noch etwas auf uns zukommen. Irgendwann gegen halb 11 ist dann Aufsteh- und Frühstückszeit. Das Teilzeitkind brät Omelette oder Spiegelei, je nach Wunsch.

Nach dem Essen räumen wir ein bisschen auf und gucken dann die Folge Étoile von gestern zu Ende. Dann haben alle nochmal Chillzeit – der Liebste zockt, das Teilzeitkind zockt auf meinem Handy, ich lese und halte das Niveau hoch. Am frühen Nachmittag bricht das Teilzeitkind schon mal auf zu seiner Mama für letzte Partyvorbereitungen. Wir fahren etwa eine Stunde später hinterher, im voll besetzten Doppeldeckerbus, der am Stadtteilfestrummel vorbei fährt.

Angekommen gibt es erstmal Kaffee und mit den kleinen Geschwistern herumtoben. Das große kleine Geschwister fällt uns sofort schreiend um den Hals, das andere ist von einem ganz anderen Schlag, winkt von weitem und kommt erst viel später auf Tuchfühlung. Ab 18 Uhr trudeln die Gastkinder ein und dann sind erstmal alle mit Trampolinspringen beschäftigt, bis die Pizza geliefert wird. Ab da folgen die Programmpunkte Schlag auf Schlag – „Wer bin ich?“, das Schokoladen-Auspack-Spiel, Stockbrot und Marshmallows an der Feuerschale. An diesem Punkt brechen die Teilzeitkindmama, der Vater ihrer kleinen Kinder und ihr kugelrunder Babybauch auf Richtung Krankenhaus und der Liebste und ich übernehmen Party und kleine Kinder.

Alle toben sich nochmal ordentlich aus und machen Quatsch mit überm Feuer gerösteten Süßkram (schmelzende, Fäden ziehende Gummibärchen sind immer noch ein Ding). Das kleine Geschwisterkind schaut sich derweil mit dem Liebsten Fotos rund um die Geburt vom Teilzeitkind an und verarbeitet was gerade geschieht. Bald darauf wird es langsam dunkel – wir räumen alles von draußen nach drinnen. Dann gibt es Eis zum selbst zusammenstellen und verzieren für alle und erste Nachrichten aus dem Krankenhaus – alles OK soweit, wird sich ziehen.

Die großen Kinder bereiten ihr Matratzenlager vor, ziehen sich Schlafanzüge an und applizieren Eye Patches und Gesichtsmasken. Der Liebste zieht die beiden Kleinen um, inkl. Schlafwindel für das Kleinere, während ich schon mal den Film vorbereite. Dann gibt es für die Großen (und mich) Clueless, die kleinen gucken mit dem Liebsten Bluey. Sehr gute Programmauswahl durch die Teilzeitkindmama.

Kurz vor Mitternacht kommt der Papa der Kleinen zurück – heute passiert nichts aufregendes mehr. Außer natürlich der Countdown fürs Happy-Birthday-Singen, bei dem auch die Teilzeitkindmama per Telefon dabei ist. Dann werden die Kleinen von ihrem Papa Schlafen gelegt und sind in Sekunden weggeratzt. Die Großen gucken noch mit uns den Film zu Ende und gehen dann Zähneputzen. Gegen 1 liegen alle und gegen halb 2 ist es still im Haus. Nur ich liege mal wieder noch eine ganze Weile wach.