28.02.2025 – Letzter Tag

Das Weckerklingeln um 6:30 gefällt mir immer noch nicht und die letzten Tage stecken mir arg in den Knochen. So schaffe ich heute auch nur das Bloggen und muss meine Sprachdinge auf später verschieben. Auch das Frühstück bleibt bei einer Banane auf die Hand, keine Zeit zum Mandarine schälen. Allerdings wirkt eine Morgenmate irgendwie noch besser als Kaffee beim Wachwerden, und so bin ich dann auf dem Weg zur Bahn beim Liebstentelefonat schon einigermaßen dynamisch. In der Bahn gibt es heute auch einen Sitzplatz, so dass ich schonmal meinen Duolingo-Streak klarmachen kann.

An der Botschaft dann wieder Sicherheitskontrolle und dann sicher ich mir meinen Platz für den Tag – alle Talks, die ich mir rausgesucht habe, finden heute im gleichen Raum statt. Los geht es mit einem Kollegen von meinem Bruder, der darüber referiert, wie das Tauen des Permafrost sich auf die (größtenteils indigenen) Communities im kanadischen Norden auswirkt und wie internationale Wissenschaftler*innen und die Leute vor Ort zusammenarbeiten beim Erforschen der Situation und beim Entwickeln von Maßnahmen – dabei geht es um so reale Ereignisse wie auseinander brechende Häuser, weil der Boden eben nicht mehr gerade ist.

Im zweiten Talk spricht meine Freundin und ehemalige „Bachelor-Mutter“ über UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Kanada, stellt drei aus dem Norden vor und berichtet, wie es zur Auszeichnung kam und ob und wie in diesen Fällen die indigene Bevölkerung involviert war und wie die Konzepte Weltkulturerbe und indigenes Erbe zusammengehen oder eben nicht.

Danach ist Kaffeepause, ich grüßen den Kollegen von meinem Bruder, mache ein Foto von einer österreichischen Studentin und dem Innu-Autoren, über den sie ihre Masterarbeit schreibt und der parallel in einem anderen Raum gesprochen hat. Also eigentlich mache ich zwei Fotos – mit dem Handy der Studentin in Hochkant, so dass sie es für Insta verwenden kann, und mit dem Handy des Autoren im Querformat, andere Generation eben. Außerdem gibt es Kekse und Gebäck zur Ergänzung meines kargen Frühstücks.

Danach folgt die heutige Keynote, von der Gwichyà-Gwich’in-Wissenschaftlerin, die gestern schon einen Talk über ihr Buch gehalten hat. Heute geht es nochmal ganz ausführlich um die Geschichte der Residential Schools in den North West Territories und die (fehlende) Aufarbeitung dazu. Harter Tobak.

In der Mittagspause gehe ich wieder in den Foodcourt der Mall, heute gibt es Pad Thai und Aloe-Vera-Drink.

Wieder zurück folgt das für mich letzte Panel der Konferenz. Zuerst geht es um Kochbuch des Nordens, das in den 60er Jahren erschienen ist. Der Vortragende untersucht, wer die Zielgruppe ist, warum welche Rezepte vorkommen, wie der Norden in Wort und Bild dargestellt wird und wie das ggf. zur Identitätsbildung Kanadas beitragen sollte. Der zweite Talk spricht über den Norden als Konzept und wie er sich in Essen niederschlägt und führt dabei unter anderem mit dem Kabeljau von Neufundland nach Venedig und zurück. Das dazugehörige Buch erscheint bald und ich werde es auf jeden Fall lesen.

Nach der nächsten Kaffeepause haben die anderen Konferenzteilnehmer eine Sitzung und ich setze mich solange ins schwedische Kaffeehaus um die Ecke, trinke Kanelbullar-Latte und widme mich ausführlich Duolingo, Babbel und dem Internet.

Dabei erreicht mich eine Nachricht eines Nachbarn – es gibt jetzt eine WhatsApp-Gruppe für unser Haus. Ich diskutiere nicht, ob man die nicht lieber bei Signal machen sollte, sondern füge mich und die Mitbewohnerin (nach Nachfrage) hinzu. Das Titelbild ist toll, es zeigt, wie das Haus zu DDR-Zeiten aussah – bevor es als Weltkulturerbestätte wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt wurde…

Der Fotoladen ist heute das Stammcafé

Halb 7 geht es dann zum Conference Dinner in ein bayerisch-alpenländisches Restaurant in der Nähe. Ich trinke Almradler (ist genau das, was man sich darunter vorstellt) und esse Salate, Wiener Schnitzel, Serviettenknödel, Sauerkraut, Käsespätzle, Apfelstrudel und Kaiserschmarrn vom Büffet. Dazu gibt es Gespräche mit meiner Freundin und weiteren langjährigen Konferenzteilnehmenden und Organisierenden und auch einer griechischen Wissenschaftlerin aus Toronto, mit der ich über kanadische, deutsche und griechische Politik rede. Als ich ihr die AfD-Wahlergebnisse im Osten erklären soll, bekomme ich von den anderen am Tisch Schnaps ausgegeben.

Später am Abend kommen dann die legendären Geschichten – Reise-, Tier-, Essens- und Alkoholerlebnisse im Dienste der Wissenschaft. Japan, Island, Labrador, Russland… Ich kann vor allem Geschichten von meinen Eltern und meinem Bruder beitragen, was aber völlig OK ist – meine Reisen sind ja meist südlicher gelegen.

Kurz nach 10 mache ich mich auf den langen Heimweg. Die anderen haben zwar morgen früh noch ein paar Stunden Konferenz, schlafen aber im Hotel um die Ecke, während ich noch eine Dreiviertelstunde nach Hause brauche. Dabei entdecke ich den verwirrenden Potsdamer Platz nochmal von einer anderen Seite.

Auf dem Heimweg und zuhause dann noch Aufholen der Weltgeschehnisse (und Auswertung mit dem Liebsten, der inzwischen im Hotel im Westen angekommen ist). Zelenskij ist mein neuer Zen-Meister und die Welt noch ein Stück bedrohlicher geworden. Trotzdem schlafe ich kurz nach Mitternacht wie ein Stein.

Hinterlasse einen Kommentar