24.02.2025 – How are you doing, Germany? Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch!

Man würde ja denken, nach 21 Stunden wach und davon 14 Stunden Wahlhelferei würde ich schlafen wie ein Stein. Stattdessen bleibe ich beim ersten Aufwachen gegen 7 (also nach etwa fünfeinhalb Stunden Schlaf) direkt hellwach und gucke nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis. Immerhin noch BSW draußen. Immerhin kriegt Fritze mit seinem Mist wirklich nur 28 Prozent. Immerhin hat die AfD nicht noch mehr bekommen als prognostiziert war. Immerhin/Noch ein Glück (mit Grüßen an die Kaltmamsell).

Ich beschäftige mich also erstmal ausführlich mit der Wahl und den Ergebnissen in Stimmbezirken, die mir wichtig sind. Bruder, und ich wohnen wie erwartet linksgrünversifft, werden aber ab jetzt nicht mehr von Grün sondern von Links vertreten. Die Ellis wohnen linksgrünversifft und weiterhin grün vertreten. Der Liebste wohnt in Schwarzrotgleichaufland, mit schwarzer Vertretung. Mein Kindheitsdorf ist stramm blau, mit 51,6 % und natürlich einem blauen Abgeordneten. Die Stadt Rostock ist links, aber da noch ein Stück Umland zum Wahlkreis gehört, geht der auch an die Schlümpfe. Achja, und „mein“ Wahllokal gestern ist wirklich eine blaue Insel im linksgrünen Bezirk – das Plattenbauviertel. War gestern eine wilde Mischung aus im doppelten Sinne Alteingesessenen, von denen es im Pberg sonst nur noch wenige gibt, ein paar jungen Migrantisierten, für die es teilweise die erste Wahl in der neuen Heimat war (andere von ihnen berlinerten entspannt drauf los) und eben insgesamt eher Leuten, die vermutlich nur wenig Geld zur Verfügung haben und im weitesten Sinne sozial abgehängt sind oder sich so fühlen.

Erst nach dieser ausführlichen Analyse kommt dann das normale morgendliche Prozedere dran – Internet leer lesen, Bloggen, Französisch, Italienisch. Dazu gibt es mehr Eiskaffee und die Stullen, die ich mir für gestern geschmiert hatte. Mir fällt wieder ein, dass auch beim letzten Einsatz das Abendbrot ausgefallen waren und die Stullen dann mein Frühstück wurden. Ich bin total platt und bleibe einfach weiter im Bett. Gucke die neue Last Week Tonight über Meta und Alternativen und dann einfach die letzten Folgen Parenthood zu Ende. Zwischendurch weiter Wahl-Nachklapp-Neuigkeiten, ein bisschen Austausch mit Freunden und dann ein Liebstentelefonat, als der vom Erste-Hilfe-Kurs nach Hause kommt.

Gegen 17 Uhr ist dann doch noch aufstehen, denn ich habe ja tatsächlich noch was vor. Schlechtes Timing von Fitness her, aber beim Ticketkauf wusste ja auch noch keiner, dass am Tag vorher Wahl ist. Ich stärke mich mit weiteren Stullen und Mate und fahre dann von meinem neulinken Bezirk in einen anderen neulinken Bezirk – in Neukölln spielen heute Franz Ferdinand!

Erstmal gibt es jedoch einen Support Act, nämlich Master Peace, der das Publikum mit „How are you doing, Germany?“ begrüßt. Die Antwort ist sehr verhalten, wird aber im Laufe der Songs etwas besser. Master Peace kann man sich auf jeden Fall merken, die fehlende Stimmung liegt an der Gesamtsituation, nicht an der Musik.

Um 21 Uhr dann endlich Franz Ferdinand. Ich muss daran denken, wie ich sie 2005 in Toronto das erste Mal live gesehen habe, als sie mit dem zweiten Album auf Tour waren. Damals war auch gerade eine rotgrüne Regierung nach einer Vertrauensfrage abgewählt worden und die CDU übernahm mal wieder für 16 bleierne Jahre. Ein Papstwechsel fand auch statt. Aber wenigstens saßen keine Nazis im Parlament. Kann es sein, dass ich zu viel über Politik nachdenke? Das nächste Mal sah ich Franz Ferdinand 2009 in Berlin, da war die CDU gerade wiedergewählt worden und hatte jetzt die unsägliche FDP im Gepäck und ich war gerade aus Wut bei den Grünen eingetreten. Irgendwas ist mit Franz Ferdinand und mir.

Egal, jetzt erstmal Konzert genießen, wa? Das klappt dann erstaunlich gut und nach und nach kann ich den ganzen Politikkram ein bisschen abschütteln (tanzen hilft) und stattdessen lieber darüber nachdenken, dass der kapriziöse Alex Kapranos da vorne ein Fahrrad fahrender, Kartoffeln anbauender und Grüntee trinkender Anglogrieche ist, der in Paris, London und Schottland lebt, eine französische Frau hat, ein kleines anglogriechischfranzösisches Kind und einen guten Freund in Berlin namens Michael. Alles nachzuhören in seiner Folge Und was machst Du am Wochenende.

Anderthalb Stunden lang gibt es Hit um Hit und Tanz um Tanz (ein paar Videos unten, andere auch in meiner heutigen Insta-Story). Große Liebe für „Take Me Out“, für „40‘“ mit Nostalgierührung, weil ich aus dem Intro damals das Jingle für meine Radiokolumne gebastelt habe, für „Michael“ (mit dem echten Michael im Publikum), für „Darts of Pleasure“ mit der legendären Zeile „Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch“, für „Do You Want To“, das 2005 in Toronto ständig im Radio lief, für „Hooked“, bei dem Master Peace mit auf die Bühne kommt, für „Black Eyelashes“, bei dem Alex Bouzouki spielt, für das große Finale mit „This Fire“…

Dann ist es auch schon wieder vorbei und ich bin ganz schön glücklich mit dem Abend. Noch schnell ein T-Shirt kaufen, dann geht es mit U- und S-Bahn nach Hause. Dort erwartet mich noch eine schöne Postkarte aus DDR-Beständen im Briefkasten. So endet der Tag versöhnlich kurz nach Mitternacht im Bett.

Neues T-Shirt und Zilles Berliner Gören

The Dark Of The Matinee
Do You Want To
40‘
No You Girls
Michael
Take Me Out
Audacious
Darts of Pleasure
This Fire

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