17.11.2024 – Heimelige Hansestadt

Dir zweite Nacht im fremden Bett läuft schon deutlich besser, auch wenn das erste Aufwachen sehr früh stattfindet. Das zweite dann kurz vor Weckerklingeln, das passt also soweit. Ich schaffe es noch, das Internet leer zu lesen und zu bloggen, dann ist Aufstehzeit. Die Gastgeberin serviert Kekse zum Husten- und Bronchialtee, dann verabschiede ich mich und fahre mit der Straßenbahn hinüber auf die andere Seite des Flusses (einmal um den Hafen herum), wo ich mit meinem Cousin zum Frühstücken verabredet bin. Ich begegne ihm auf der Rückkehr von der Hunderunde und gemeinsam laufen wir dann zu ihm nach Hause.

Hier ist schon ordentlich was los, Bonuskind und Besuchskind springen herum, seine Freundin bäckt Eierkuchen. Bald darauf sitzen wir alle am Tisch und lassen uns frische Brötchen, Croissants, Rührei und eben Eierkuchen schmecken. Dazu gibt es viele, auch selbst gemachte, Marmeladen, köstliche Aufstriche vom Markt und Saft aus eigenen Quitten. Wir erzählen uns die letzten Monate, haben uns ja fast vier davon nicht gesehen, und reden natürlich auch wieder viel über Politik und das Weltgeschehen. Inzwischen verziehen sich draußen die Wolken und es wird ein schöner Herbsttag mit blauem Himmel.

Nach guten zwei Stunden breche ich wieder auf und laufe dann zum Wasser und an diesem etwa eine Dreiviertelstunde entlang. Erst durch viel Natur, dann an den Segelclubs vorbei, wo allerorten Boote aufs Trockene gebracht werden und ein ordentliches Gewimmel herrscht – bis April ist jetzt Segelpause, Ausbesserungszeit auch, die Auftragsbücher des Cousins sind voll. Nach den Segelclubs kommen die Villen und dann schließlich der Fähranleger. Fünf Minuten vor Abfahrt lasse ich mich auf einen Sitz plumpsen – geschafft.

Die Überfahrt selbst dauert leider auch nur fünf Minuten. Dann bin ich wieder zurück in „meinem“ Teil von Rostock und spaziere zum Stammcafé. Mein Stammplatz, ein altes Bett, ist frei und so mache ich es mir mit Apfel-Ingwer-Tee und Schwarzwälder-Kirsch-Törtchen gemütlich und widme mich meinem Handyspiel. An den Nebentischen heute zum Beispiel eine Gruppe Kommiliton*innen, die zwischen Frühstück und Hausarbeit ein paar Runden Canasta spielen, ein einsamer Herr mit Buch und ein geschäftliches Treffen zwischen Kulturbranche und Controlling, mit herumtollendem Kleinkind.

Da auch heute wieder niemand von meinen Bekannten Dienst hat, entscheide ich mich schließlich, nicht noch eine zweite Lage zu bestellen, sondern einen früheren Zug zu nehmen und nicht so spät in Berlin anzukommen. Ich laufe die alten Wege zum Bahnhof (und komme auch noch an meiner dritten Rostocker Wohnung vorbei, die anderen beiden waren gestern schon dran) und steige in den schon bereit stehenden Zug. Ich nutze die Zeit für Französisch und Italienisch und schlafe dann ungefähr von Güstrow bis Waren. In Neustrelitz heißt es wieder umsteigen – ein bisschen nervig, aber dafür fährt jetzt wirklich jede Stunde ein Zug – und nochmal eine Stunde später bin ich wieder in Berlin.

Die Katzen empfangen mich freudig und hungrig. Ein kurzes Ausruhen auf der Couch und Nachlese zur Bundesdeligierenkonferenz der Grünen, dann mache ich mit Spaghetti mit Trüffelcreme und schaue zum Essen eine Folge This Is Us. Dann Badewanne zum Abwaschen der Rückstände aus zwei Tagen Raucherwohnung und kurz nach 21 Uhr liege ich bereits im Bett. Ich lese eine knappe Stunde in Adriana Altaras‘ „Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante“ bis mir die Augen zu fallen, nehme dann einen Hustenstiller und lasse mir von Günther Grass weiter aus „Ein weites Feld“ vorlesen, bis ich einschlafe.

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