Gegen halb 7 habe ich die Augen zugemacht, bin kurz weggedöst und dann erscheinen vor meinem inneren Auge Tim Walz und seine Kinder und Douglas Emhoff und seine Kinder und dann bin ich wieder wach, gucke auf mein Handy und Trump hat Pennsylvania und damit rechnerisch endgültig gewonnen. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Der Liebste neben mir hat es zum Glück nicht mitbekommen und bekommt so zumindest ein-zwei Stunden mehr Schlaf als ich, während ich diverse sozialen Medien und Nachrichtenseiten doomscrolle und nicht fassen will, dass das wirklich die Welt ist, in der wir leben. Irgendwann schlägt der Liebste die Augen auf und fragt: „Wie schlimm ist es?“ „Sehr.“
Dann scrollen wir beide. Nebenbei schreibe ich teilnahmsvolle Nachrichten an meine Freund*innen in den Staaten, die teilweise gerade noch schlafen und erst viel später antworten werden – mit Dingen wie „Literally the worst. It makes me so sick to my stomach“, „Oh my god noooooo“ und „I want to fucking die“. Anderen schreibe ich nicht, die posten später glückliche Bilder vom Familienausflug und rote Herzen auf Instagram. Der Riss geht wirklich mitten durch da drüben, noch stärker als hier.
Gegen 10 stehe ich auf und lege mich direkt wieder in die Badewanne. Zum wirklichen Entspannen kommt es dabei natürlich nicht, aber die Wärme und das Wasser tun gut. Danach gehen der Liebste und ich an die frische Luft, ein bisschen Natur, Bäume, Wasser sehen, im Versuch, nicht vollends depressiv zu werden. Nebenbei telefonieren wir mit dem Liebstenpapa, dem es ähnlich geht wie uns.




Als wir zurück kommen, eskapiert der Liebste In die Welt des E-Sports, die zuverlässig heute wieder ein Live-Turnier liefern, das ihn ein wenig ablenken kann (auch wenn sein Team nicht so performt, wie von ihm gewünscht, aber das ist er ja gerade gewöhnt, höhö). Ich eskapiere ins Sprachen lernen und Handy spielen und „This is us“ gucken, bis das Teilzeitkind aus der Schule kommt. Es hat schon von seinen Lehrer*innen gehört, was passiert ist, versteht die Amerikaner*innen nicht und will jetzt erstmal Suppe. Also kocht es die, für sich und uns. Und Suppe hilft auch erstmal ein bisschen. Wir sprechen über die Schule und alles mögliche alltägliche und das tut auch gut.
Später gibt es Reste der Pasta von gestern zum Abendbrot, dazu besprechen wir dann weiter die Geschehnisse in der Welt und versuchen, die Fragen des Kindes zu beantworten. Warum wählen die Amerikaner*innen so jemanden? Warum findet Trump Putin gut? Warum glaubt er nicht an den Klimawandel? Warum ziehen die Leute nicht weg aus Amerika? Schwere Fragen, wir tun unser Bestes. Nur als das Kind dann der Meinung ist, dass es in Deutschland alles besser ist und hier sowas nicht passieren kann, halten wir uns zurück und sagen lieber nichts.
Später, als das Kind schon im Bett ist und wir uns auch zumindest hingelegt haben, verfolge ich das Geschehen in Deutschland. Der Kanzler kanzlert und hält eine beeindruckende Presseansprache, der Wahlkampf hat begonnen. Ein wenig Genugtuung verspüre ich über das Schicksal des Herrn CL, aber ansonsten verspricht das alles nichts Gutes. Wenig später dann die concession speech von Kamala Harris, auffallend kalt gegen Tim Walz, ansonsten aber wie erwartet eine gute Rede und eine, die Mut macht. Das brauche ich heute auch noch, um halbwegs schlafen zu können.