Aufgewacht und schon wieder gedacht, ich läge mitten in der Nacht wach – es ist auch noch ziemlich dunkel, aber der Berufsverkehr scheint angefangen zu haben. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass der Wecker gleich klingelt. Nun denn. Ich habe nämlich heute zu unchristlicher Zeit noch einen Arzttermin, der letzte, der noch möglich war, bevor ich diesem Land wieder entschwinde. Erstmal jedoch verschaffe ich mir einen kurzen Überblick über die nächtliche TV-Debatte zwischen Harris und Trump. Die Tagesschau faselt etwas von einem Duell auf Augenhöhe, das beunruhigt mich, aber alle anderen Medien und vor allem auch die sozialen sehen Harris klar vorne. OK, damit kann ich in den Tag starten.
Ich nehme Tram und Tram in die Praxis und telefoniere auf dem Weg mit dem Liebsten, der auch noch im Bett liegt. In der Tram beginne ich zu bloggen. Ich bin 15 Minuten vor dem Termin da und sitze bloggend im Wartezimmer, als die beste Freundin ankommt. Heute soll ich nicht zu ihr in die Sprechstunde, sondern nur zum Blut abnehmen. Trotzdem nimmt sie mich noch für ein paar Minuten in ihr Zimmer mit, während sie sich vor dem ersten Patiententermin umzieht und den Rechner hochfährt. Wir erzählen uns kurz unsere Urlaube und verabreden uns dann für wenn ich aus Kanada zurück bin (an Tag 1 habe ich sowieso einen Termin bei ihr, aber für Woche 3 machen wir dann jetzt auch noch privat was aus).
Dann geht es zum Blut abnehmen. Ich halte erst den muskelgezerrten und impfgeschwollenen Arm hin, der gefällt der diensthabenden Dame aber nicht so gut und sie entscheidet sich für den anderen, wo die Vene besser sichtbar ist. Leider durchsticht sie dieSe aber dann gleich doppelt, so dass das Blut nicht in die Ampulle, sondern ins Gewebe drumherum fließt. Sie entschuldigt sich und verbindet den Arm, dann holt sie die beste Freundin dazu, die innerhalb von einer halben Minute professionell die Vene im wehen Arm anzapft und verbindet. Ich bin dankbar und stolz und laufe mit zwei verbundenen Armen wieder raus (der Nichtwehe wird im Laufe des Tages tieflila-blau rund um die Armbeuge, es sieht gruselig aus).
Dann wieder mit Tram und Tram nach Hause und beim Umsteigen Einkäufe im Drogeriemarkt, zuhause dann Frühstück. Das Resteessenprogramm geht weiter. Restebananen und Resteeier werden mit Restehaferflocken zu Banana Pancakes, dazu Restefeige, ein paar Weintrauben, Ahornsirup und Chai. Schön herbstlich alles und passend zu Kanada. Mir fällt ein, dass ich genau zu Herbstbeginn quasi nach Neuengland (genauer Neuschottland) fahre und sofort fühle ich mich der Internetsubkultur zugehörig, die jetzt nach Pumpkin Spice Latte, Apfelpflücken und Gilmore-Girls-Rewatch verlangt.

Zum und nach dem Frühstück schaue ich mir dann die komplette Debatte an, inklusive Nachbereitung bei Stewart und Colbert und einigen anderen Analysen. Alles dazu wurde schon von irgendwem gesagt, aber ich musste wirklich laut lachen bei „this…. former President“. Klar, dass es mehr Spaß macht, sich damit zu beschäftigen als mit der unsäglichen Migrationsdebatte hierzulande.
Später dann bastle ich aus Restekartoffeln, Restegurke und Resteapfel einen Kartoffelsalat und lasse ihn durchziehen. Dann schreibe ich ein Katzensitting-Manual zusammen für den Nachbarsjungen (und ein bisschen für den Liebsten, der zwar oft dabei war, aber noch nie alleine verantwortlich), kläre letzte Dinge mit dem Reisebüro, schreibe dem Liebsten zwei Vollmachten, telefoniere nochmal mit der Hausverwaltung wegen des Schimmels (Zuständigkeitenpingpong zwischen Vermieterfirma, Verwaltungsfirma und Handwerkerbetrieb, immer noch)…

Nach dem späten Mittagessen gehe ich nochmal nach draußen, diesmal zum Copyshop, und drucke allerlei Dinge aus. Danach habe ich mir ein Nachmittagsschläfchen verdient und weil die Katzen dabei beide auf mir liegen, tut mir danach erstens die Seite weh und zweitens muss ich noch viel länger liegen bleiben, bis ich die beiden irgendwann dazu kriege, sich wieder zu bewegen, damit ich aufs Klo gehen kann. Früher hielt ich es für einen Witz, dass alte Menschen manchmal unter Katzen sterben, wenn diese ihnen auf der Brust liegen, inzwischen verstehe ich das Problem – zumal wenn es zwei sind.
Am Abend kommen dann der Nachbarsjunge samt Papa vorbei und wir üben nochmal Katzenfüttern und Katzenklo durchsieben. Außerdem bekommen sie einen Schlüssel und wir machen eine WhatsApp-Gruppe auf, es ist ja schließlich 2024. Als die beiden weg sind, esse ich noch ein wenig Stulle (mehr Restevertilgung), telefoniere ausführlich mit dem Liebsten, reserviere uns für morgen einen Tisch und hänge dann noch eine Weile im Internet fest, bevor ich es gegen Mitternacht Richtung Bett schaffe.