19.01.2024 – So viel Reden

Nachdem ich gestern kurz vor dem Weckerklingeln wach geworden war und die drei Tage davor immer deutlich vorher aufgewacht bin, weckt mich heute zum ersten und letzten Mal diese Woche der Wecker um 7 – denn zwischen 8 und 12 hat sich ein Handwerker angesagt, um sich das Schimmelproblem anzusehen und bis dahin müssen der Mitbewohner und ich beide empfangsbereit sein. Thomas Mann wäre stolz auf diesen Schachtelsatz. Um 7:18 schaffe ich es dann aus dem Bett und ins Bad, um 8 sind wir beide angezogen, der Mitbewohner hat schon gefrühstückt und ich sitze mit Tee und Katzen auf der Couch. Es klingelt nicht. Kurz vor 9 bekomme ich Frühstückshunger und setze mich dann mit Toast (Mandel-Tonka-Creme bzw. Erdbeer-Zimt-Aufstrich) an den Schreibtisch.

Bis 10 gehe ich durch E-Mails und Benachrichtigungen und schreibe dann eine E-Mail mit Umzugsinfos an den Standort, bzw. sehr viele Homeoffices in Berlin. Dann habe ich ein Meeting mit Ostfriesland, plus Nachbereitung. Ich traue mich nicht so richtig an große Aufgaben heran, weil ja jederzeit der Handwerker kommen kann.

Kurz nach 11 werde ich dann ungeduldig und unsicher, ob ich mich im Tag vertan habe, aber genau da klingelt er. Wir machen eine gemeinsame Tour durch die Wohnung und er fotografiert Schimmelstellen und feuchte Stellen, die bald zu Schimmelstellen werden können. Dann gibt er mir viele Tipps zu richtigem Heizen und Lüften, erklärt, wie er es zuhause macht, sagt aber auch, dass jede Wohnung anders ist und bei den derzeitigen Temperaturschwankungen Schimmel sowieso vorprogrammiert ist – erst Recht, wenn man wie wir in einem Haus mit Holzfenstern und eher wenig massiven Außenwänden lebt, zudem viel im Homeoffice sind und vor uns hin atmen. Dann erstellt er einen Schlachtplan – demnächst haben wir zwei Tage am Stück die Maler im Haus und dann werden alle Außenwände gemacht, d. h. Schimmel entfernt, Rauhfaser runter, Anti-Schimmelfarbe rauf. Mein schönes Arbeitszimmer mit orangenem Farbakzent an der Außenwand ist dann rein weiß, aber da kann man wohl nix machen. Er empfiehlt allen Mieter*innen in unserer Wohnanlage, uns keine Mühe mit den Außenwänden zu machen, irgendwann sind die alle fällig.

Als sein Bericht fertig ist, entfernt er noch den gröbsten Schimmel aus meinem Schlafzimmer und verabschiedet sich dann kurz nach 12 zu seinem letzten Termin der Woche. Ein Tipp noch für alle Berliner*innen: Wenn es nächste Woche massiv taut, hört bloß nicht auf zu heizen, er sieht eine Armee von Schimmelsporen auf uns alle zukommen! Ich setze mich wieder an den Schreibtisch und habe halb 1 ein Meeting mit der Kollegin in Nordengland. Wir überziehen ein bisschen und ich erledige schnell noch Action Items daraus, dann mache ich mir fix die Pellkartoffeln von gestern warm – dazu Leinölquark – und esse sie auf dem Sofa.

Draußen lacht die Sonne, aber erstens habe ich 14 Uhr schon das nächste Meeting und zweitens kommt demnächst eine Lieferung an, ich muss also drinnen bleiben. Dann also Meeting mit London, Paris und Valencia mit spannenden Informationen – das könnte interessant werden demnächst. Mittendrin klingelt es und ich nehme eine Kiste Crowdfarming-Acocados an, die ich mir mit meinem Bruder teilen werde. Und eine Kiste Crowdfarming-Zitronen von einem anderen Anbieter für die Nachbar*innen über uns. Nach dem Meeting öffne ich das Paket und stelle fest, dass diesmal noch keine dabei sind, die schon oder bald essreif wären. Muss also das Abendbrot umdisponieren. Außerdem mache ich Post auf und muss feststellen, dass ich demnächst eine Kopie meines Personalausweises beglaubigen lassen muss, weil die Versicherung, bei der ich einen Vertrag kündigen will, scheinbar noch nie von POSTIDENT gehört hat. Heidewitzka.

Jetzt versuche ich, mich an die größeren Aufgaben zu machen, die noch anstehen, aber mir schwirrt und weht der Kopf. Also wieder nur Kleinkram und dann doch nochmal raus in die Sonne. Ich spaziere durch den Schnee zum Baumarkt, auf den Ohren den Anfang eines Terry-Pratchett-Buchs für unseren Arbeitsbuchclub. Im Baumarkt kaufe ich Hygrometer – gleich sechs Stück, weil es sie in Dreierpacks gibt, und noch ein neues, chlorfreies Anti-Schimmelspray, was sich für größere Flächen und Tapete besser macht. Auf dem Heimweg Avocado-Telefonat mit meinem Bruder – und nebenbei die Info, dass meine Eltern es nach nun insgesamt drei verspäteten Flügen, einem verpassten Anschlussflug und zwischenzeitlich verschollenem Gepäck endlich in ihre Berliner Wohnung geschafft haben. Wieder zuhause packe ich die Hälfte der Avocados in den Kühlschrank, die andere darf schon weiterreifen.

Zurück am Schreibtisch beschließe ich, kreative Aufgaben auf nächste Woche zu verschieben und heute nur noch administratives zu erledigen. Ich schiebe Aufgaben hin und her, erstelle ein neues Formular für eine Regel im Projektmanagementtool, aktualisiere den Link im Intranet und verteile ihn an das globale Senior Management, verschicke einen Reminder an das „internationale“ Team (bei uns alle außerhalb der USA“, schreibe meinen Wochenbericht, beantworte E-Mails vom Nachmittag… Gegen 17:30 gebe ich einem IT-Kollegen in Dublin Remote-Zugriff auf meinen Laptop damit er mir ein Softwarepaket installieren kann. Er kommt weder mit den Einstellungen zurecht, die ein Kollege in Bangalore neulich dort vorgenommen hat, noch mit der deutschsprachigen Benutzerumgebung. Ich beobachte wir im Laufe der Installation Meldungen auf Französisch, Italienisch und Niederländisch auftauchen und versuche nebenbei herauszufinden, woher der Kollege ursprünglich kommt. Der Vorname lässt auf Nigeria schließen – möglicherweise hat Französisch also ein bisschen geholfen, aber Englisch wäre vermutlich noch einfacher gewesen. Das Ganze zieht sich jedenfalls bis etwa 18:20 hin.

Zu dem Zeitpunkt sitzt schon seit zwanzig Minuten der ehemalige Mitbewohner in der Küche und unterhält sich mit dem aktuellen Mitbewohner über ihre jeweilige Arbeitssituation und die individuellen Besonderheiten der beiden Katzen. Dann bricht der Mitbewohner auf zu einer Verabredung und ich gebe dem ehemaligen Mitbewohnet seine Post und wir unterhalten uns über dies und das. Nebenbei packe ich die Hygrometer aus und stelle fest, dass keine Batterien dabei sind. Also begleite ich den Ex-Mitbewohner noch bei seinem Aufbruch – er lässt sich von mir dabei die aktuellen Anti-Nazi-Demonstrationen erklären („So what is the problem, why do people vote for AfD”?) und berichtet, wie schwer es geworden ist, als Nichtdeutscher Jobs in deutschen Unternehmen zu finden – in seiner Community ist man überzeugt, dass es eine Policy gibt, nur noch deutschsprachige Leute einzustellen…) – und gehe noch schnell in den Drogeriemarkt, Batterien kaufen. Die lege ich dann zuhause direkt ein und dann habe ich da sechs Hygrometer, die jeweils unterschiedliche Werte anzeigen.

Ich lasse sie sich einigermaßen akklimatisieren, während ich das Abendessen koche und verteile sie dann auf die Räume – mein Schlafzimmer, mein Arbeitszimmer, die Küche, das Wohnzimmer. Eins stelle ich dem Mitbewohner bereit für sein Zimmer, eins kommt auf den Balkon. Denn der Handwerker sagt, wenn es draußen feuchter ist als drinnen, soll man besser nicht lüften oder nur kurz für den Sauerstoffaustausch.

Ich koche aus dem Rest Sockeye-Lachs von gestern mit Olivenöl, Knoblauch, Kapern, Tomatenmark, Zitronensaft, Kaviarcreme und Dill eine Pastasauce, dazu gibt es Orecchiette und Feierabendlimo. Nach dem Essen – es ist kurz nach 20 Uhr, beginnt das geplante Telefonat mit der Freundin und Kollegin in Frankreich. Wir reden erst noch über Arbeit, dann über diverse andere Dinge, wir schmieden Pläne für ein nächstes Treffen – wahrscheinlich kommt sie einfach auch nach Valencia arbeiten, wenn ich dort bin – und reden über die Vergangenheit, die Zukunft und alles dazwischen. Im Laufe des Telefonats lade ich mir aus Gründen eine App herunter, mit der man das ursprüngliche Snake-Spiel von 1997 spielen kann und dann sieht mein Telefon für den Rest des Gesprächs so aus:

Ja, das ist ein Screenshot

Kurz nach 1 legen wir nach fünf Stunden auf und haben einen neuen Rekord aufgestellt. Ich gratuliere noch kurz einer Freundin seit Schulzeiten zur Geburt ihres Kindes und mache mich dann schnell bettfertig.

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