Der Wecker ist wieder auf früher als sonst gestellt, ich wache aber nochmal eine halbe Stunde früher auf. So langsam macht sich der Schlafmangel in meinem Gemüt bemerkbar. Nachdem ich erst anderthalb Stunden entspannt im Bett liege und die üblichen Sachen mache, fühle ich mich gestresst, sobald meine Füße den Boden berühren. Das bekommt dann als erstes der Liebste zu spüren, der mich anruft, als ich grad aus der Dusche komme, statt wie verabredet auf einen Anruf von mir kurz danach zu warten, dann der Mitbewohner, der in der Küche frühstückt, während ich meine Sachen packe, dann der Kater, der unentwegt nach Essen maunzt, während ich gerade noch mein Frühstück vorbereite. Alle außer mir haben heute ein furchtbares Timing. Also, finde ich. Evtl. hätte ich auch ein paar Minuten früher aufstehen können und wäre dann im Zeitplan gewesen und alles wäre gut gewesen. Aber Grummel Grummel!
Auf dem Weg zur Tram telefoniere ich dann nochmal richtig mit dem Liebsten. Dann lasse ich bei Schnee und Kälte zwei vollbesetzte Trams vorbeiziehen und finde erst in der dritten Platz. Das erinnert mich an meinen Winter in Toronto, als ich das gleiche Szenario immer hatte, wenn ich aus meinem Apartment die King Street entlang zum Büro gefahren bin und es geschneit hatte. Passt zum Podcast auf den Ohren.
Im Büro angekommen hole ich mir als erstes einen Kaffee und stelle dann meinen Rucksack ab und schließe meinen Laptop an. Dann gehe ich mein Frühstück (Joghurt, Ahornsirup, Müsli, Banane und Blutorange) in eine Schüssel schütten und mein Mittagessen (mehr Suppe) in den Kühlschrank stellen. Die ersten Gespräche mit Kolleg*innen bringen mich schon wieder etwas auf die Palme. Heute sind alle wegen des anstehenden Büro-Umzugs höchst emotional unterwegs, das macht meinen gestressten Tag nicht unbedingt leichter. Ich checke dann nur schnell E-Mails, während ich mein Frühstück esse – also ich lese die, die ich morgens im Bett und später in der Tram noch nicht gelöscht habe – und mache mich dann direkt an den „Packen“-Teil des Tages.
Die körperliche Arbeit entstresst mich dann erstmal ein wenig. Ich räume Schränke aus, miste dabei aus, stelle Dinge für die Kolleg*innen zum Mitnehmen bereit (Schlüsselbänder, USB-Sticks, Flaschenöffner, Magnete, Sticker, Aufnäher…). Ganz erstaunlich, wie sich plötzlich dafür interessiert wird, wenn es etwas umsonst gibt. Das macht dann schon auch gute Laune. Am Ende packe ich zwei Kisten mit Dingen, die zu meinem Job gehören plus etwas persönlichen Kram. Dann geht es weiter mit dem Büro vom Ehrenamt. Gemeinsam mit einem Kollegen gehen wir durch alles durch, schmeißen großzügig weg und packen dann vier Kisten mit Büchern, Akten, Archiv und Büromaterialien.
Der nächste Schritt betrifft meine dritte Funktion und beinhaltet, dass der Kollege und ich Pfandflaschen wegbringen und einen einen Plan für leere Getränkekisten aufstellen. Danach setzen wir uns hin und löffeln Suppe. Natürlich reden wir auch dabei über die Arbeit und den Umzug – richtig abschalten ist aber nicht. Nach dem Mittag sage ich meinem Team Bescheid, dass ich jetzt für richtige Arbeit zur Verfügung stünde und fange auch damit an, werde dann aber direkt wieder durch einen Anruf rausgerissen und habe nochmal ehrenamtlich zu tun. Zwischendurch noch zwei Telefonate mit dem Liebsten und Koordination mit dem Lieblingsnachbar und mit Kolleg*innen, die nicht ins Büro kommen konnten, um ihre Sachen zu packen.
„Richtige“ Arbeit schaffe ich heute also nur wenig und als ich endlich Luft hätte, so ab 17 Uhr, ist keine Konzentration mehr da. Das muss dann also bis Morgen warten. Also noch Kleinkram bis 17:30, dann packe ich meinen Kram zusammen und mache Feierabend – Tschüß, altes Büro! Hallo, drei Wochen Homeoffice! (Ersteres macht ein wenig traurig, allerdings waren es auch nur gut anderthalb Jahre hier, letzteres macht mich gerade sehr zufrieden.)

Ich stapfe mit dem Kollegen über Schnee und Eis bis zum Alex, dann geht er zur Tram und ich zum Roten Rathaus, wo ich mit dem Lieblingsnachbar zum Demonstrieren verabredet bin. Es sind viele Menschen da, ist halt auch praktisch in Zeit und Ort, und man kann den Redebeiträgen akustisch schwer folgen. Also konzentriere ich mich auf Schilder und Transparente, klatsche, wenn ich doch mal einen sinnvollen Satz hören kann, halte mein Handy-Licht hoch, als das gewünscht wird, achte darauf, nicht mit einem Juso-Transparent auf Fotos zu erscheinen… Als mein Rücken beginnt, wehzutun, laufen wir noch eine Runde herum, entdecken mit Entsetzen die nicht kleine Gruppe jugendlicher Weißer mit Palästina-Fahnen, die ziemlich sicher Generation Ich-habe-meine-Meinung-von-TikTok sind, und gehen dann frierend los.

Der Lieblingsnachbar fährt mit dem Fahrrad, ich mit der Tram, und wir kommen fast zeitgleich zuhause an. Jetzt bin ich auch körperlich vollkommen platt. Ich nehme mir ein Feierabend-Radler, bestelle mir etwas zu essen und lege mich aufs Bett für das nächste Webinar aus dem Adulting-Projekt. Während das läuft, kommt mein Essen an und ich schnabuliere leckere Quesadilla mit Pico de Gallo und Chili Mais. Vor und nach dem Webinar telefoniere ich mit dem Liebsten. Danach schaue ich die erste Folge von „After Midnight“, der neuen Late Night Show der tollen Taylor Tomlinson. Ich muss ein paar mal lachen, bin aber von der Tragfähigkeit des Showkonzepts nicht überzeugt.
Dann gucke ich den Livestream aus dem Berliner Ensemble, wo die Lehnitzseekonferenz in einer szenischen Lesung nachgestellt wird und auch neue Enthüllungen… enthüllt werden. Ist das alles gruselig! Irgendwann mache ich mich bettfertig, aber das Runterkommen dauert heute lange, ich schlafe erst kurz vor 1 ein.