Dieser Tag lässt sich emotional gut in zwei Hälften teilen, wobei die eine Hälfte deutlich länger, die zweite aber deutlich schwerwiegender ist. (Ich höre meine versammelten ehemaligen Mathelehrer*innen aufstöhnen). Jedenfalls fing alles recht normal an, kurz vorm Weckerklingeln werde ich endgültig munter, dann liege ich länger im Bett als für das gute Gewissen gut ist und hetze mich ab 9 ein wenig, um schnell an den Laptop zu kommen. Das ist insofern hilfreich, als dass ich es so schaffe, bis pünktlich um 13 Uhr zur anvisierten Mittagspause die beiden großen Arbeitsbrocken mit Deadline heute endgültig aus dem Weg zu bekommen (nicht ohne die Hilfe meiner Chefin, die trotz Weihnachtsurlaub da ist, um zu unterstützen und mir hilft, Leuten hinterher zu jagen, deren Zuarbeit ich brauche).
Punkt 13 Uhr jedenfalls schicke ich die letzte Mail raus, dann gehe ich ins Draußen und hole Katzenstreu (ich habe eine Bestellung mit einem riesigen Vorrat auf dem Weg zu mir, brauche aber vermutlich noch vor der Ankunft welches und will vorsorglich über die Feiertage genug da haben) und auf dem Weg dahin im Drogeriemarkt noch Vitamin C, Zink und Waschmittel. Wieder zuhause mache ich mir einen Snackteller mit Adventssüßkram (keine Zeit für elaborierteres Mittagessen mehr) und stürze mich in den zweiten Teil des großen Meetings mit London, Paris, Prag, Madrid, Valencia, Salerno und Dublin. Wieder zwei intensive Stunden, die insgesamt aber recht gut verlaufen.
Danach fällt so langsam der Arbeitsdruck von mir ab. Ich räume meine Tabs auf, erledige Kleinigkeiten, unterstütze meine Kolleg*innen in Chicago und Paris bei ihren Aufgaben und puzzle so vor mich hin, bis mir auffällt, dass ich den Mitbewohner heute noch gar nicht gesehen und nach morgens vor dem Weckerklingeln auch nicht mehr gehört habe. Wir schreiben kurz und jetzt weiß ich, dass er noch lebt, aber wohl noch kränker ist als die letzten beiden Tage. Ich bitte ihn, einen COVID-Test zu machen, sobald es ihm möglich ist, aufzustehen. Um 18 Uhr klappe ich den Laptop zu und mache mich ans Einpacken der bisher vorhandenen Weihnachtsgeschenke (alles für Bescherung Nr. 1, inklusive einiger Sachen, die der Liebste verschenkt, die aus Gründen bei mir liegen). Währenddessen kommt der Mitbewohner aus seinem Zimmer, bekommt von mir einen Schnelltest in die Hand gedrückt und kocht sich eine Suppe.

Als ich fertig mit Einpacken bin, ist er fertig mit Kochen und macht den Test. Der zweite Strich ist deutlich und knallrot und etwa drei Sekunden danach haben wir beide eine Maske auf. Ich reiße alle Fenster auf, er nimmt die Suppe mit in sein Zimmer, ich gehe in mein Zimmer und schließe die Tür. Dann verabreden wir die Regeln für die nächsten Tage – Zimmertüren zu, Rauskommen nur mit Maske, im Bad nur bei offenem Fenster Maske ab. Mein Test von heute Nachmittag war negativ und ich fühle mich auch ziemlich gesund. Trotzdem ist es jetzt Zeit, der Realität ins Auge zu sehen und die nächsten Tage umzuplanen.
Ich telefoniere mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind, die gerade einen Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt haben – für die in Berlin bleibende Mitbewohnerin und unser kleines zweites Weihnachtsessen am 26. Die Erwachsenen sind sich einig, dass ich unter diesen Umständen nicht riskieren kann, mit zum Weihnachtsfest bei den hochaltrigen Liebsteneltern zu kommen. Ich hänge mich in die Warteschleife bei der Bahn, um zu erwirken, dass unsere Zugtickets, die auf meinen Namen laufen, auf den Liebsten umgeschrieben werden (laut Bahnseite geht das nicht, in der Hotline erfährt man dann, dass man eine E-Mail an den Kundenservice schreiben muss und dann geht es wohl doch). Dann planen der Liebste und ich, dass er morgen nach der Arbeit kurz vorbeikommt und mit Abstand alle Geschenke mitnimmt, die zu seiner Familie mitmüssen. Wenn alles gut geht, kann ich am 26. dann zum Weihnachtsessen kommen und wir bescheren uns dann gegenseitig (seine Geschenke für mich liegen eh bei seinen Eltern, da er sie direkt dorthin hat liefern lassen).
Dann mache ich mir den letzten Rest Kürbissuppe warm und esse den samt dem Rest Obstsalat von gestern und lasse die neue Situation langsam einsinken. Keine drei Nächte im Hotel mit dem Pool und der Sauna, kein Planschen mit Teilzeitkind und Nifftenkind, kein Essengehen im Hotelrestaurant und abends auf dem Zimmer zusammen LOL gucken, kein Am-Kamin-Sitzen bei Liebstenonkel- und -tante kein Zoobesuch mit der Liebstencousine samt Familie, kein vom Liebstenpapa gekochtes Weihnachtsessen zu acht um den fast zu kleinen Tisch herum, keine gemeinsame Bescherung (doch, virtuell irgendwie), kein gemeinsames „Der kleine Lord“ gucken und dabei einschlafen, kein Stadt-Land-Fluss-Battle mit der Liebstenschwester… Stattdessen Weihnachten entweder gesund und isoliert in meinem Zimmer (und alle paar Minuten die Katzen rein- und rauslassen) bzw. draußen bei Spaziergängen oder krank gemeinsam mit dem Mitbewohner. Ziemlich sicher jedenfalls mit bestelltem Essen, viel Lesen und Fernsehen.
Auch: Statt Freitag mitten im Arbeitstag die Zelte abbrechen müssen, um dann im vollen Zug weiterzuarbeiten, dann zwei Tage die ganze Zeit Menschen um mich herum und dann wieder im vollen Zug zurück. Klingt nach den letzten Wochen auch ganz OK, wenn nicht alles aus dem Absatz davor auch wäre… Ich klammere mich an die positiven Aspekte, mache mit Maske das Katzenklo sauber (das ist definitiv eine schönere Erfahrung), putze mir schnell die Zähne und liege dann im Bett und gucke zur Beruhigung eine Folge West Wing – klappt nur so halb, mit der Konzentration ist es Essig. Also nochmal mit dem Liebsten telefonieren, ein paar Seiten Buch lesen und dann kurz nach Mitternacht in einen kurzen, unruhigen Schlaf fallen.
Ach, scheiße…